„Mein Gott ist der groß“, denke ich beim ersten Aufeinandertreffen. Der ist ja mehr als 2 Meter hoch. Kantig, eckig. Fast wie der Vorgänger. Nur eben doch moderner.

Mercedes G-350 Diesel: Luxus-Hardcore-SUV mit Retro Anmutung

Auch was die optische Anmutung betrifft. Noch beim ersten Rundgang um den G350 kommt der erste Nachbar dazu. „Ganz schöne Angeberkiste“, wirft Daniel provozierend ein. „Was kostet der denn“, will er wissen und ich antworte brav „132.000, so wie er da steht“. „Wer kauft denn so was“, setzt er noch eins drauf, schleicht aber sichtlich beeindruckt um den mächtigen G. Erlebnisse wie dieses häufen sich während der 14 Tage währenden Testphase. Die G-Klasse polarisiert. Von No-Go bis Traumauto ist alles dabei.

Die markanten LED-Lichtringe der Scheinwerfer fallen auf. Dagegen sind die Heckleuchten in meinen Augen etwas zu klein geraten. Die noble Inneneinrichtung zeigt im Unterschied zur Blechhülle nur wenige Retro-Ambitionen. Am ehesten der massive Haltegriff vor dem Beifahrersitz, der in einem Gelände wohl seine Berechtigung hat. Wer je mit einem G auf den Schöckl (Berg bei Graz, wo der G nach wie vor gebaut wird) geklettert ist, wird nachvollziehen können, was ich meine. Ansonsten finden sich viele der Assistenten, die man aus modernen Autos kennt. Das Armaturenbrett wirkt jedoch etwas überfrachtet. Und auch das Infotainment System bietet so viel Möglichkeiten, dass der Durchschnittsnutzer überfordert sein könnte. Ich war es bisweilen. Für das Einbinden meines Smartphones brauchte es mehrere Anläufe. Das geht intuitiver.

Vermisst habe ich einen schlüssellosen Zugang. Die Türgriffe lassen sich nur mit deutlichem Kraftaufwand bedienen. Bei geschlossenen Fenstern fallen die Türen nur bei kräftigem Stoß richtig ins Schloss. Daran muss man sich gewöhnen. Man könnte das auch Retro-Charme für richtige Männer nennen. Wenn die Zentralverriegelung schließt, erschrecken zarter gepolte Zeitgenossen, so laut und extrem ist das mechanisch klingende Geräusch zu vernehmen. Auch im neuen G sitzt man selbstredend sehr hoch und das Einsteigen gleicht einem Erklimmen. Vorsicht will gewahrt sein, wenn man aussteigt, den es geht senkrecht runter. Normalgroße Menschen sollten den Zwischenschritt über den massiven Schneller (Trittbrett) nutzen. 

Mercedes G-350 Diesel: Luxus-Hardcore-SUV, Nina Weizenecker

Übrigens: Meine Tochter würde ihn sofort kaufen. Er sei ihr Lieblingsauto, erklärt sie unverhohlen, und will ihn nicht mehr hergeben. Nina hat Ahnung. Sie arbeitet beim Autotester und ist für unseren Insta-Auftritt zuständig. Auch ich muss zugeben, auf meinen Testfahrten Fan geworden zu sein. Nicht weil ich häufig ins Gelände müsste. Wie bei den meisten anderen Autofahrern kommt das auch bei mir selten vor. Trotzdem beeindruckt mich dieses Potenzial. Wenn ich wollte, könnte ich. Mehr als das gefällt mir aber der coole Auftritt, den man mit dem G hinlegt. Mit der modernen Technik versehen, fährt er sich auch auf normalen Straßen ordentlich. Was er nicht mag, sind diffizile Manöver.

Mercedes G-350 Diesel: Luxus-Hardcore-SUV

Sein Wendekreis ist für die City zu groß. Und auch beim Parken tut man sich schwerer, als mit Durchschnittsautos. Er ist einfach eine Nummer zu breit für Standardparkplätze. Seine Breite fordert im Stadtverkehr zusätzliche Aufmerksamkeit. Sonst kann schnell der Außenspiegel dran glauben. Bei langsamer Fahrt hat Mercedes seinem Neo-Klassiker jedoch einen Assistenten mit auf die Straße gegeben, die erkennt, ob die Durchfahrtsbreite ausreicht. Im negativen Fall, verhindert sie die Durchfahrt und hinterlässt mich beeindruckt. 

Mercedes G-350 Diesel: Luxus-Hardcore-SUV

Schwer tue ich mich indes mit dem hohen Verbrauch des G350 d. Sein Reihensechszylinder bringt 286 PS und bis zu 600 Newtonmeter Drehmoment auf den Asphalt. Auch wenn ihn die Schwaben mit einem Normverbrauchswert von 9,8 Liter je 100 Kilometer angeben, auf unseren Testfahrten hat er im Schnitt runde 15 Liter Diesel genommen. Und wenn man den Pferden mal so richtig die Sporen gibt, dann laufen 20 bis 25 Liter durch. Vermutlich stört das Menschen nicht, die bereit sind, 132.000 Euro auf den Tisch des Autohauses zu legen. Auch wenn ihn hierzulande wohl die meisten leasen. Der 2018 gelaunchte neue G ist mehr denn je ein Luxus-Hardcore-SUV. Seine Nutzer werden kaum Gedanken an irgendwelche Grenzwerte, noch an soziale Akzeptanz verschwenden. Sonst würden sie ihn kaum erwerben.

Mercedes G-350 Diesel: Luxus-Hardcore-SUV

Gegenüber seinem Ur-Ahn, der seit 1979 gebaut worden ist, besitzt das 2019er-Modell vorne einzeln aufgehängte Räder, ein 9-Gang-Automatik-Getriebe sowie einen leicht heckbetont ausgelegten Allradantrieb. Auf eine höhenverstellbare Luftfederung haben die Mercedes Entwickler verzichtet. Dafür gibt es ein neues, adaptives Dämpfersystem, dessen Schluckpotenzial selbst schlechte Landstraßen entschärft. Der Neo-Klassik-Gelände-Benz bietet gegenüber seinem Vorgänger im Innenraum deutlich mehr Platz und auch Menschen mit langen Beinen können auf den nahezu perfekten Vordersitzen bequem sitzen. Weniger Freude bereitet dagegen die etwas rutschige weil nahezu konturlose Rückbank. Durch die Außenhöhe von 2,05 Meter haben selbst Sitzriesen ausreichend Kopfarbeit. 

Mercedes G-350 Diesel: Luxus-Hardcore-SUV, Nina Weizenecker

Fazit:

Die Mercedes G-Klasse ist eine Anachronismus, der eigentlich nicht mehr in unser Zeit passt. Er ist kein Auto, das an den Verstand appelliert. Es spricht unsere Emotionen an. Die Verkaufszahlen der G-Klasse sprechen eine klare Sprache. Mit ihm kann man(n) sich von der kriechenden Masse absetzen. Was stört mich Euer neidiges Geschwätz. Ich binunabhängig und kann mir dieses mobile Statement leisten.  

Mercedes G-350 Diesel: Luxus-Hardcore-SUV

Technische Daten:

Mercedes G350 Diesel

  • Motor: 3,0-Liter-Reihen-Sechszylinder-Turbodiesel
  • Leistung: 286 PS (210 kW) b. 3.400 U/min
  • Drehmoment: 600 Nm b. 1.200-3.200 U/min
  • 0-100 km/h: 7,4 s
  • Geschwindigkeit: 199 km/h
  • Antrieb: Neungang-Automatik, Allradantrieb
  • Verbrauch: 9,6 l/100 km
  • CO2-Ausstoß: 253 g/km
  • Abgasnorm: Euro 6d-Temp
  • Länge: 4,825 m (mit Reserverad)
  • Breite: 1,93 m (ohne Außenspiegel)
  • Höhe: 1,96 m
  • Radstand: 2,890 m
  • Gewicht: 2.451 kg
  • Kofferraumvolumen: 454-1.941 l
  • Preis: ab 92.000 Euro

https://www.instagram.com/nina_weizenecker/