Mit rund einer Million Neuzulassungen standen Grautöne zuletzt auf Platz eins der Autofarben, gefolgt von Schwarz und Weiß. Grau ist damit unter den Neuzugängen fast drei Mal häufiger als Blau, die beliebteste „bunte“ Autofarbe und die Lieblingsfarbe der Deutschen, wie eine Umfrage des Deutschen Lackinstituts 2016 ergab.

International sieht es ähnlich widersprüchlich aus. Zwar ist laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts „YouGov“ in vielen Ländern Blau die meistgenannte Lieblingsfarbe. Doch die beliebteste Autofarbe weltweit sei Weiß, berichtete der Autolackhersteller Axalta vergangenes Jahr. Es folgen Schwarz, Grau und Silber – und erst dann Blau.

Warum entscheiden sich so viele Menschen beim Autokauf für unbunte Farben? „Zum einen, weil sie neutraler und wertiger wirken – ein Vorteil beim Weiterverkauf“, erklärt der Psychologe Klaus Peter Kalendruschat von TÜV Nord. „Zum anderen wählen einige Menschen die Farbe danach aus, wie sie auf andere wirken wollen.“ Grau und Schwarz etwa erscheinen seriös, was im Beruf vorteilhaft sein könnte.

Audi RS 3 Limousine (400 PS), Nina Weizenecker

Wer sich bewusst für ein tiefblaues oder grasgrünes Auto entscheidet, verrät damit mehr als nur seine Lieblingsfarbe. Menschen mit einer Vorliebe für satte, leuchtende Farben sind im Schnitt extravertierter als jene mit Vorliebe für gedämpfte Töne, fanden die US-Forscher Adam Pazda und Christopher Thorstenson heraus. Und wie sie in einer weiteren Studie demonstrieren, ahnen wir das offenbar und halten Menschen in blauem oder grünem Oberteil für etwas extravertierter, umgänglicher und offener als in Grau gekleidete Leute. „Farben beeinflussen, wie wir die Welt wahrnehmen“, erläutert Kalendruschat. „Wenn wir eine Farbe sehen, reagieren bestimmte Regionen im Gehirn unterschiedlich, je nachdem, was wir mit ihr assoziieren.“

Was wir als Farbe empfinden, ist das Licht, das ein Gegenstand zurückwirft. In unserem Auge trifft es auf bestimmte Sehzellen, genannt Zapfen. Deren Reaktion erweckt im Gehirn den Eindruck von Farbe: Kurzwelliges Licht erscheint blau oder violett, langwelliges Licht rot. Ein sattes, intensives Rot etwa besteht fast nur aus einer dominanten Wellenlänge. Altrosa hingegen enthält vermehrt Grauanteile.

Dass einige Menschen intensive und andere gedeckte Farben lieber mögen, könnte an der unterschiedlichen Erregbarkeit des Gehirns liegen. Extravertierte Menschen hätten eine höhere Reizschwelle als introvertierte, vermutete der berühmte Psychologe Hans Jürgen Eysenck schon Mitte des 19. Jahrhunderts. Deshalb fänden sie eine starke Stimulation angenehmer, zum Beispiel laute Musik oder knallige Farben.

Heute weiß man, dass unsere Farbvorlieben noch von vielen anderen Dingen abhängen. Bei Autos würden, wie bei Kleidung oder Möbelstücken, eher gedeckte Farben bevorzugt, beobachteten die Psychologin Karen Schloss und ihre Kollegen von der University of California in Berkeley. „Es kommt außerdem darauf an, wie sich die Leute beim Fahren fühlen wollen und wie sie sich darstellen möchten.“ Dunkle Farben verbinde man eher mit Luxus und Reife, knallige Farben mit Verspieltheit. Allerdings hängt das auch von der Kultur ab: Im Nahen und Fernen Osten etwa können Farben ganz andere Assoziationen wecken als hierzulande.

„Für die Wahl der Autofarbe gibt es aber auch ein objektives Kriterium«, sagt der TÜV-Psychologe Kalendruschat. Statistiken aus Australien bestätigten kürzlich, was die Sicherheitsforschung von Mercedes-Benz schon vor Jahrzehnten festgestellt hatte. In Australien zeigte die Auswertung von 850.000 Unfällen, dass dort weiße Autos seltener in Unfälle verwickelt waren als schwarze, graue und silberfarbene. Vor allem tagsüber und in der Dämmerung lag das Unfallrisiko für weiße Pkw niedriger. Mit der Persönlichkeit der Fahrerinnen und Fahrer habe das eher wenig zu tun, glaubt der Psychologe. Reinweiße Autos sind bei jeder Beleuchtung besser zu sehen, weil das reine Weiß in der Natur nur selten vorkommt und sich deswegen immer auffällig vor dem Hintergrund abhebt. ampnet

Fotos: TÜV Nord/Der-Autotester.de