Australien-Tour 2015: Offroad-Amateure bewähren sich im Outback
Das erste Drittel liegt hinter den Teilnehmern der Land Rover Experience Tour 2015: Staubige rote Pisten, mehlige Sandlöcher, einsame Strände und verkohlte Eukalyptusbäume haben die Expeditions-Teilnehmer im australischen Outback schon erlebt, ausgedörrte Wüstenpassagen und Uluru, der heilige Felsen im Zentrum des fünften Kontinents, stehen noch bevor. Aus Sicht des Veranstalters soll die aufwändige Tour vor allem eine Botschaft rüberbringen: Auch der neue Discovery Sport ist ein ernst zu nehmender Geländewagen.
Rund 3600 Kilometer misst die Strecke durch den ursprünglichen und einsamen Norden des fünften Kontinents, der gleichzeitig Heimat vieler Ureinwohner – der Aborigin-Stämme – ist. Wo es schon Reifenspuren gibt, da fährt die Land Rover Experience Tour in der Regel nicht hin. Das Neue erforschen, bekannte Pfade verlassen – das ist seit 2000 ein bewährtes Prinzip, das unter anderem Expeditionen nach Namibia, Bolivien, Malaysia, Kanada und über die Seidenstraße nach Indien hervorbrachte.
Nach der Ankunft im nordaustralischen Darwin müssen die deutschen Teilnehmer Diana Arnold, Marc Binder, Meike Schneider, Kerstin Seele, Kai-Uwe Stoye und Steffen Tabke noch eine weitere Flugstunde in Kauf nehmen, bevor sie auf der Gove-Halbinsel endlich die Lenkräder ihrer Tour-Fahrzeuge in die Hand nehmen können. Der Auftakt der Tour bringt gleich die erste Programmänderung: Unerwartete Sandstürme haben den ins Auge gefassten Badestopp an einem der schönsten Strände im Arnhem-Land außer Reichweite geraten lassen. Zwar hätten die frisch entstandenen Sanddünen den Konvoi wahrscheinlich nicht gänzlich aufhalten können, doch die Zu- und Abfahrt wäre so beschwerlich und zeitraubend geworden, dass sie das folgende Programm ebenfalls beeinträchtigt hätten. „Die Tage in Australien werden lang werden“, hatte Expeditionsleiter Dag Rogge die Abenteurer vor Beginn der Tour eingestimmt.
Zu den beeindruckendsten Erfahrungen der ersten Tage gehört die Begegnung mit Ureinwohnern des roten Kontinents. Eine Delegation von Aborigines besucht die Expeditions-Teilnehmer in ihrem Zeltlager nahe einer kleinen Bucht. Den traditionellen Tänzen und Gesängen am Lagerfeuer fehlt eine in Europa bei solchen Anlässen durchaus übliche Begleitung – die „geistreichen“ Getränke. In weiten Teilen des Arnhem-Gebiets, in denen viele Ortschaften der Aborigines liegen, herrscht ein selbst verordnetes und von den örtlichen Behörden kontrolliertes Alkohol-Verbot. Dies soll dem Schutz der Ureinwohner dienen, die in zurück liegenden Jahren häufiger durch Trink-Exzesse und entsprechende Ausfälle von sich reden machten.

Wer im Rahmen der Ausschreibung einen kostenfreien Platz auf der Tour gewinnt, dem sind einzigartige Erlebnisse an exotischen Orten garantiert. Er wird aber auch Teil einer gigantischen Marketing-Maschinerie, die sich der britische Geländewagen-Spezialist und seine Partner Millionen kosten lassen. Dieses Jahr stehen die neuen Modelle Discovery Sport im Mittelpunkt. Ihnen kommt deshalb eine besondere Aufgabe zu, weil sie einen Spagat zwischen den Ansprüchen einer lifestylisch orientierten Kundschaft und dem traditionellen Markenversprechen schaffen müssen, keine weich gespülten Pseudo-Offroader zu sein.
Dass sie ihre unter Idealbedingungen gemessenen Verbrauchswerte im teilweise über 40 Grad heißen Australien nicht erreichen, wird niemanden wundern, der Ausrüstung und Beladung der Fahrzeuge kennt. Außer den persönlichen Habseligkeiten der Insassen sind zusätzlich zwei der praktischen Swag-Zelte inklusive Outdoor-Matratzen an Bord, zwei Schlafsäcke, eine elektrische Kühlbox, ein Erste-Hilfe-Set, ein Wechselstrom-Konverter, Funkgerät sowie ein Behälter mit zehn Litern Trinkwasser. Auf dem Dachgepäckträger fest verzurrt sind zwei Kanister mit je 20 Litern Diesel-Kraftstoff, mindestens ein Ersatz-Geländereifen und eine Vierer-Leiste Hochleistungsscheinwerfer. Da außerdem die Klimaanlage fast pausenlos in Betrieb ist, sprechen rund zehn Liter Verbrauch pro 100 Kilometer Offroad-Strecke eher für einen wirtschaftlichen Umgang mit dem Treibstoff.
In den Northern Territories, ein Gebiet rund viermal so groß wie Deutschland, leben nicht einmal 250 000 Menschen, mehr als 100 000 davon in der Regionalhauptstadt Darwin. Viele Teile des östlich davon gelegenen Arnhem Lands dürfen nur mit Sondergenehmigungen befahren werden, eines von zahlreichen Zugeständnissen, das der Staat gegenüber den Ureinwohnern macht. Mal eben im Supermarkt Brot und Aufschnitt für 50 Personen holen, fällt also aus. Für das leibliche Wohl der Experience-Teilnehmer sind René Linke und Paul Neukirch verantwortlich, zwei gestandene Köche, denen planvolles Zubereiten von erlesenen Speisen ebenso vertraut ist wie das Improvisieren. Angetrieben von dem Ehrgeiz, ihren Gästen auch in der unwirtlichsten Umgebung perfekte Mahlzeiten zu kredenzen, fehlt es beim Frühstück weder an Croissants und Nugatcreme, noch an Rührei und gebratenem Speck. Zum Dinner gehört selbstverständlich frisches Gemüse, dazu werden mal Scampi, mal Lammkoteletts oder Rib-Eye-Steaks aufgetischt.
Allerdings könnten sie ihre Kochkunst wohl kaum ausüben, wäre da nicht der Service-Lkw, der wie Herz und Hirn eines gesunden Körpers den reibungslosen Ablauf der jeweiligen Campstopps gewährleistet. Auf einem Fahrgestell deutscher Herkunft, das mit fast 500 PS und 6×6-Allradantrieb ausgestattet ist, ließ Expeditions-Leiter Dag Rogge außer zwei je einen Kubikmeter großen Kühlzellen auch einen Stromgenerator, einen Terabyte-Rechner nebst WLAN-Router, einen Notarztplatz mit Defibrillator, Stauraum für mehrere Bierzeltgarnituren und einen 500 Liter großen Frischwassertank installieren. Natürlich sind mehrere Kettensägen an Bord, denn für den vier Meter hohen Truck muss der lichte Raum zwischen den Bäumen oft frei geschnitten werden. Etwa die Hälfte der Ausrüstung lieferten Spezialanbieter aus ihren Regalen, die andere Hälfte wurde auf Rogges Anforderung hin extra angefertigt. Die Köche können außerdem auf zwei Gas-Grilleinheiten sowie einen Elektro-Backofen zurückgreifen.
Das Camp am Koolatong River bietet Raum für Urlaubsgefühle: Jetzt, kurz vor der Regenzeit, ist der Wasserstand niedrig, das steinige Flussbett von Sandbänken durchzogen, die einen idealen Bauplatz für das Nachtlager bieten. In Deutschland war „Swag“ das Jugendwort des Jahres 2011, in Down Under bezeichnet es einen Ein-Personen-Schlafschlauch mit durchaus komfortablen Liegeeigenschaften. Inzwischen ist jeder so gut mit der Handhabung seiner Segeltuch-Behausung vertraut, dass das Herrichten nur noch Minuten in Anspruch nimmt. Die Warnung vor den ebenso gut getarnten wie hungrigen Krokodilen hat seine Wirkung nicht verfehlt: Nur wenige wagen sich zur Morgentoilette mehr als knietief und den gemütlich dahin plätschernden Wasserlauf.

„Bequemer wird’s später nicht“, dämpft Dag Rogge die Erwartungen auf weitere Hotelbetten oder Duschkabinen beim morgendlichen Briefing. Noch höhere Temperaturen, karge Wüstenpassagen, ein Salzsee und sehr wahrscheinlich eine Heuschrecken-Invasion stehen den Teilnehmern bevor. Doch der Anblick des Ayers Rock im Abendlicht dürfte für einige Entbehrungen entschädigen.
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