Casanova wurde mal gefragt: „Hey Casanova, warum bist du eigentlich so erfolgreich bei den Frauen?“ Er sagte: „Weil ich mich in jede Frau immer ein bisschen verliebe.“
Ob’s stimmt, weiß niemand. Was ich weiß, ist: „Ganz genau so ist das bei mir mit Autos. Manchmal verliebe ich mich mehr. Manchmal weniger.“ Manchmal will ich das Ding einfach nur besitzen. Manchmal bin ich auch froh, wenn es uns nach zwei Wochen Testfahrt wieder verlässt. 
Bei der Giulia tut es weh, sie wieder abgeben zu müssen. Denn ich will diese Mischung aus Sportwagen und Mittelklasse Limousine immer bei mir haben. Notfalls Josef Fritzel mäßig in die Garage sperren und nur bei gutem Wetter raus lassen. 

Sein gemeinsam mit Ferrari entwickelter 2,9 Liter V6-Biturbo bringt mich mehr ins Schwärmen, wie einst Pamela Anderson in ihrem roten Baywatch-Badeanzug. 510 PS Leistung, 600 Newtonmeter Drehmoment, in 3,9 Sekunden aus dem Stand auf 100 und 307 Stundenkilometer schnell. Aber die Giulia verlässt uns bald. Es kommt eine neue, eine modernere. In wenigen Wochen schon – im neuen Modelljahr. Das tut weh, ist aber auch irgendwie schön und nötig. Denn Schönheit allein hält die Liebe wohl nicht auf ewig am Lodern.

2020 Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio

Als Italiener im Herzen hoffe ich inständig, dass die neue Giulia besser wird, als die Neuauflage Baywatch. Kennt ihr diesen Film? Niemand braucht den. 

Geschichte

Aber beginnen wir doch mit der Vergangenheit und der Noch-Gegenwart. Die aktuelle Giulia gibt es seit 2016. Nur als schlanke Limousine, nicht als pummeligen Kombi. So mögen wir Italiener das. Vernunft Adieu. Sexyness Hallo. Nice! 
In Deutschland wurden im Verkaufsjahr 2017 etwa 20 Prozent von 2.500 Giulias mit QV Logo und 510 PS Motor ausgeliefert. Bis dato wurden etwa  6.200 Giulia verkauft. Die Italienerin scheint bei den „Allmanns“ nicht so gut anzukommen. Ist aber auch hart in der Heimat von Audi A4, 3er BMW oder Mercedes C-Klasse. 

Zum Modelljahr 2018 entschieden sich die Italiener dann, die QV nur noch als Automatik-Variante auszuliefern, weil davor nur 5 Prozent der Kunden die Handschaltung bestellt hatten. 2019 bekam die Giulia ein umfangreicheres Facelift. Es profitiert hauptsächlich von angesagten Assistenten und modernerem Infotainment. 

2020 wird Alfa 110 Jahre alt. Und beschenkt sich mit dem GTA und GTAm (ohne Rücksitzbank) selbst. Diese Modelle basieren schon auf der neuen Giulia QV, sollen100 Kilo leichter sein, 540 PS Leistung bereitstellen und in 3,6 Sekunden aus dem Stand auf 100 Stundenkilometer beschleunigen. Nur 500 Stück soll es geben. Markenbotschafter werden die handverlesenen Kunden von der Bestellung bis zur Auslieferung betreuen und das Händchen streicheln. Nicht, dass sie es sich noch mal anders überlegt. Denn der Preis wird wohl so selbstbewusst sein, wie Italiener stolz.

Zur Markteinführung im Jahr 2016 war die Giulia QV nicht nur Schönheitskönigin, sondern auch prämierte Athletin. Sollte sie sich doch mit den starken Wettbewerbern um Audi RS 4, RS 5 Coupé oder Sportback, BMW M3, M4 oder Mercedes C63 AMG messen können. Mit einer Zeit von 7.32 Minuten hielt sie den Rekord für die „schnellste Serienlimousine auf der Nordschleife“. Zum Vergleich: Das ist schneller als der Porsche Panamera Turbo. Diesen Rekord hat ihr der Jaguar XE SV Project 8 inzwischen mit einer Zeit von 7:21:23 Minuten abgenommen. Mit den neuen Sondermodellen wollen die Italiener ihn allerdings zurück erobern. 

Design

Beim Design der 4.64 langen Giulia kommen Fans nicht allein aufgrund der 2.800 Euro teuren Lackierung „Rosso Competizione“ ins Schwärmen. Die tief auf der Straße wohnende Karosserie, die gigantischen dunklen 19 Zoll Felgen, die ausgestellten Kotflügeln, Seitenschweller, Front- und Heckspoiler, der „Ferrariske“ Heckdiffusor und die Vierrohr-Auspuffanlage. Ein Traum! 
Doch hinter dem Look steckt auch Funktion. So senkt sich der Frontsplitter ab 100 Stundenkilometern um drei Zentimeter gen Boden um den Anpressdruck zu erhöhen. Beinahe pittoresk wirken die Bi-Xenon-Scheinwerfer (35W) mit Kurvenlicht (AFS), Scheinwerferwaschanlage und LED-Tagfahrlicht. Diese Lampen werden auch beim Facelift leider nicht durch Voll-LEDs ersetzt werden. 

2020 Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio, Jan Weizenecker

Das Sport-Bremssystem mit 6 Kolben 360 mm Brembo-Bremsen an der Vorderachse und 4 Kolben 350 mm an der Hinterachse verzögert so brachial, dass die Carbon-Keramik-Bremse (7.500 Euro) mit 390 mm Bremsen an der Vorderachse und 360 mm Bremsen hinten fast schon überflüssig erscheinen.  
Die Karosserie der Giulia besteht aus hochfestem Stahl. Alu wird verwendet für Kotflügel, Türen und Radaufhängung. Kohlefaser spendieren die Italiener für die Motorhaube, Antriebswelle und aerodynamische Komponenten.

2020 Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio

Optional gibts auch das Dach aus Carbon (3.000 Euro). Vergleichsweise günstig sind die abgedunkelten hinteren Scheiben. Dieser böse Look kostet 450 Euro.
Zur guten Straßenlage trägt nicht nur der vollständig verkleidete Unterboden bei, sondern auch ein Adaptiv-Fahrwerk, sowie ein aktives Hinterachsperrdifferenzial samt Torque Vectoring.

Innenraum 

Wie bereits erwähnt, die Giulia steht kurz vor dem Modelljahreswechsel. Das Interieur mit 7″-TFT-Farbbildschirm wirkt zwischen den analogen Instrumenten und dem 8,8-Zoll Infotainment im Vergleich zu den Produkten der teutonischen Konkurrenz noch etwas veraltet. Aber das soll sich in Kürze ja ändern. Im Innenraum unseres Testwagens überzeugen die 8-Fach verstellbaren (1.500 Euro) Sportsitze (1.000 Euro), die Harman Kardon Sound-Analage mit 13 Lautsprechern und 500 Watt (1.250 Euro) leistung, das Q Lenkrad mit Alcantara und Leder. Wer besonders sportlich unterwegs sein möchte, gönnt sich die tollen SPARCO® Sportschalensitze mit Sitzbezügen in Leder-Alcantara, und Rückseite aus Kohlefaser (3.900 Euro). 

2020 Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio

La Macchina 

Kommen wir zur Bella Macchina in unserer Italienerin. Sie kommt von Maserati, und ist mit Hilfe von Ferrari Ingenieuren entwickelt worden. Um sie gibt’s viele Gerüchte. Fest steht: Ein unfassbarer 2,9 Liter-V6-Bi-Turbo-Motor der die unübliche 90 Grad V Form zeigt, katapultiert und unsere 1.595 Kilo Giulia über die ZF-Achtgang-Automatik und ihre 510 PS Leistung in 3,9 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100. Bei 307 Stundenkilometern ist die Höchstgeschwindigkeit erreicht. Die Giulia soll sich im Norm: 9,2 Liter gönnen. In unserem Test waren es zwischen 10,4 und 18 Liter. Kommt eben ganz aufs Gasfüsschen an. 

Aber wie fährt sich die Heckschleuder nun? Perfekt ausbalanciert. Straffe Straßenlage und dabei nicht zu hart gefedert. Bei eingeschlagenem Lenkrad sollte man das Gaspedal jedoch nicht durchpinseln, denn dann kommt das Heck schneller, als man „Ohhh Gott“ sagen kann. Zum Glück lässt es sich aber relativ gediegen wieder einfangen. Schnelle Spurwechsel mag die Italienerin indes nicht so gerne. Der Motor klingt zum Niederknien. Nicht wie ein hochgezüchteter Vier-Zylinder GTI mit Klappenauspuff-Anlage „Burgerking-Parkplatz“-Edition, sondern erhaben wie ein Ferrari oder Maserati. Der Bi-Turbo braucht jedoch Drehzahl und kräftige Tritte. Im richtigen Moment. Versteht sich. Dabei kann die Giulia im Komfortmodus auch ein bequemes Mädchen für den Alltag sein und trotzdem bis zu 307 Stundenkilometer auf der Autobahn schnell werden. Eine Göttin mit Temperament. Das suchen wir doch eigentlich alle – oder nicht? 

2020 Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio, Jan Weizenecker

Fazit:

Ich bin verliebt in die Giulia QV. Dieses Auto hat alles was mich glücklich macht. Ich brauche kein SUV. Wer steht schon auf Dicke (no Bodyshaming, es geht um Autos), wenn sie nicht deine Kinder im Bauch hat. 
Worauf ich mich mehr freue als auf Baywatch früher? Auf das neue Modelljahr in der GTA und GTAm Version. Aktuell beginnen die Preise für die Giulia bei 79.000 Euro. Unser Testwagen liegt bei 93.300 Euro. Aber italienische Frauen mit Temperament waren wahrscheinlich noch nie billig zu haben.

2020 Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio

Technische Daten:

(2019/2020) Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio

  • Hubraum: 2.891 ccm
  • Anzahl und Bauform Zylinder : V6
  • Maximale Leistung kW / PS: 375 kW / 510 PS bei 6.500 U/min
  • Max. Drehmoment: 600 Nm bei 2.500 – 5.000 U/min
  • Getriebe: Achtgang-Automatik ZF
  • Beschleuningung 0-100 km/h: 3,9 Sekunden
  • Höchstgeschwindigkeit: 307 km/h
  • Norm-Verbrauch: 8,2 Liter auf 100 Kilometer
  • Reifenmarke und –format des Testwagens: Pirelli P Zero 235/45 ZR19 vorne / 285/45 ZR19 hinten
  • Leergewicht: 1.695 kg
  • Länge / Breite / Höhe: 4.639 / 1.873 / 1.426 mm
  • Grundpreis: 79.000 Euro
  • Testwagenpreis: 98.300 Euro

Wettbewerber/Konkurrenten:

BMW M3, M4, Mercedes-AMG C63, Audi RS 4 Avant, Audi RS 5 Coupé/ Sportback.