Deutschland ist Weinland. 80 000 Winzer erzeugen in jedem Jahr durchschnittlich 925 Millionen Liter des in verschiedensten Qualitäten angebotenen, vergorenen Rebensaftes, der Konsum pro Kopf liegt ein wenig über 21 Liter jährlich. Was auf den ersten Blick als viel erscheint. Allerdings standen schon den römischen Legionären, die Weinreben auf Geheiß des Kaisers über Frankreich, die Rhone und die Mosel in ihren Garnisonen nördlich der Alpen einführten und anbauten, Tagesrationen von zwei Litern zu. Zwar waren die Tropfen seinerzeit weder besonders alkoholhaltig noch von großer Finesse geprägt, doch Wein stärkte vermeintlich den Kampfgeist der Truppe, war aber vor allem sauberer als das damals häufig verunreinigte Wasser.

Heute wird die variantenreiche Pflanze mit größerer Hingabe kultiviert. Die Erzeuger stehen im ständigen Wettstreit um zahlreiche Auszeichnungen und Bewertungen, die ihnen die Vermarktung erleichtern. Dafür sorgen auch die mehr als 1000 Weinfeste, zudem Gutsverkostungen und Proben, zu denen nicht nur in den Weinbauregionen sondern auch in Hamburg oder München eingeladen wird. Der unbeschwerte Genuss dieser Veranstaltungen fällt Autofahrern jedoch nicht leicht. Selbst mit dem einfachen Schoppen, der vielerorts auch das Viertele genannt wird, ist je nach Konstitution die in der Straßenverkehrsordnung festgelegte Grenze bereits überschritten.

Nicht umsonst haben Winzer und Weinbaugemeinden daher eine spezielle Zielgruppe besonders in ihr Herz geschlossen: Wer mit seinem Reisemobil oder Campingbus zum Weinfest oder zur Degustation reist, kann sorgenfrei genießen und hat vor allem einen ordentlichen Laderaum dabei, um eine möglichst facettenreiche Auswahl aus dem Winzerkeller in den eigenen zu verfrachten.

Dabei hat sich in der jüngeren Vergangenheit neben den üblichen Stellplatz-Angeboten und Reisemobil-Häfen beinahe schon eine eigene Szene entwickelt. Selbst Gerhard Eichelmann, der in Deutschland wohl bekannteste Weinkritiker, weist bei der Beschreibung der Weingüter und den verschiedenen Erzeugnissen der Winzer in seinem jährlich erscheinenden Standardwerk „Deutschlands Weine“ auf Stellplätze der Weinbauern hin. Selbst die Besitzer von Campingbussen, die keine eigene Nasszelle in ihren Fahrzeugen haben, werden bedient. Toilettenanlagen, die in Probierstuben oder im Gutsausschank obligatorisch sind, werden neben dem Stellplatz beim Weinkauf zur Benutzung freigegeben.Mercedes Benz V-Klasse Marco Polo HeckSelbst kleine Winzer achten die mobile Kundschaft. Da lässt einer Steckdosen auf der Rückseite des Kelterhauses installieren, schottert den Platz auf und macht kein großes Aufheben darum, weshalb der Tipp ein geheimer bleibt und nicht in den einschlägigen Stellplatzführern auftaucht. Fragen lohnt sich also immer, wenn die Reise ins Rebenland führen soll. Andere bieten ihre Übernachtungsplätze nachdrücklicher an. Stellflächen für bis zu 30 Fahrzeuge mit Stromanschluss, Entsorgungsstation und Frühstücksservice werden mittlerweile offeriert, die Nutzung ist bei Abnahme eines bestimmten Weinkontingents häufig gratis. Und der Weg zu Ausschank oder Restaurant meist nur wenige Meter weit.

Auch auf den vielen Weinfesten – dem Bad Dürkheimer Wurstmarkt in der Pfalz, der Weinkirmes in Zell an der Mosel oder dem Fränkischen Weinfest in Volkach am Main – haben die Veranstalter längst auf die zunehmenden Besuch der Campingbus-Gäste reagiert und in direkter Nähe, vor teils pittoresker Kulisse, angenehme Stellplätze ausgewiesen.

Beachten müssen viele Reisemobil-Fahrer allerdings die Gewichtsgrenze. So verlockend der Gedanke sein mag, den Jahresvorrat an guten Tropfen während einer Rundreise bei den Lieblingswinzern einzukaufen, so schnell kommt ihr rollendes Heim an die Kapazitätsgrenze der Tragfähigkeit. Ein Sechser-Karton wiegt je nach Flaschenart gut zehn Kilogramm, Schaumweine sind noch schwerer. Verladen werden sollte die gewichtige Fracht möglichst direkt auf dem Fahrzeugboden und nicht in höhergelegenen Schränken. Das beeinträchtigt das Fahrverhalten am wenigsten. Auch müssen die Kartons vor dem Verrutschen gesichert werden, um Schäden am Ladegut und am Fahrzeug gleichermaßen zu vermeiden. Vor allem muss die Sicherheit der Passagiere gewährleistet sein, lose im Wohnraum oder auf der Sitzbank abgestellte Weinkartons können in Gefahrensituationen und beim plötzlichem Bremsen zu dramatischen Verletzung führen, wenn sie Geschossen gleich nach vorne schleudern.

Der Platz in Heckgarage oder Laderaum ist auch aus Gründen der Temperatur empfehlenswert für den Weintransport. Denn wer in seinem Urlaub teuren Wein einkauft, wird den Qualitätsverlust zu Hause bemerken, wenn dieser mehrere Tage im abgestellten und von der Sonne aufgeheizten Fahrzeug gelagert wurde. Vor allem auf Temperaturschwankung reagiert Wein sehr ungnädig, am besten kauft man seine trinkbaren Souvenirs erst kurz vor der Heimreise. Außerdem sollte man den edlen Tropfen nach der Heimkehr ein paar Tage Ruhe gönnen. Besonders hochwertige Weine brauchen Zeit, um nach vielen Kilometern über nicht immer bügelbrettglatte Straßen wieder zur Ruhe zu kommen.MOP InnenraumBeachten sollten Festgäste oder Weinguts-Besucher außerdem die Gefahren des Restalkohols. Denn auch acht Stunden Schlaf reichen jenen, die zu tief ins Glas geschaut haben nicht, den eingenommenen Alkohol abzubauen. Die grobe Rechnung sagt, dass ein Viertele den Blutalkoholgehalt auf 0,3 Promille steigen lässt. Und Kreislauf und eine intakte Leber bauen etwa 0,1 Promille in der Stunde ab. Besser also, den folgenden Tag in Ruhe zu beginnen und nach einem späten Frühstück noch einen Spaziergang vor der Heimreise einzuplanen.

Bei all dem lockt die Lieblichkeit der deutschen Weinbau-Regionen den Campingbus-Fahrer. Die Weinstraßen Frankens, der Pfalz oder Badens führen durch malerische Orte mit blumengeschmückten Sandstein-Bauten, liebreizende Rebenlandschaften mit ihrer eindrucksvollen Zeilen-Geometrie, vorbei an herrschaftlichen Schlössern und Burgen. Schon diese Blicke lohnen die Reise in jene Landstriche. Und wenn es dann noch einen vollmundigen Schluck zum Abendessen gibt, kann die Seele baumeln und der Geist über die Hänge schweifen. Man kann sicher sein: Der Weinliebhaber und Vorzeigedichter Goethe – er hätte einen Campingbus als Reisemittel gewählt. Schon damals fasste er diesen Gedanken: Wer vom Hotel hat Überdruss, der kauft sich einen Campingbus.