Wer vom Hotel hat Überdruss, der kauft sich einen Campingbus. Nein, Herr Goethe hat dies ganz sicher nicht erdichtet, wie unlängst ein Reisemobil-Portal suggerieren wollte. Wär‘ ihm jedoch die Wahl zwischen Postkutsche und California angetragen, kein Zwinkern lang hätt‘ er gezagt. Das was heute das Tempo für Papiertaschentücher, das Spüli für Geschirrreiniger oder Aspirin gegen Kopfschmerzen ist – der California steht tatsächlich für den Campingbus als Segment der Reisemobil-Klassen. So wie viele noch Hymermobil sagen, wenn sie ein vollintegrierte Freizeitfahrzeug meinen.


Der California kommt von VW. Seit 2004 hat die Nutzfahrzeugsparte der Niedersachsen-Marke die Produktion in Eigenregie übernommen. Zuvor hatte Haus- und Hof-Zulieferant Westfalia in Rheda-Wiedenbrück nach jahrzehntelanger Produktion der Camping-Box als Ausstattungsoption für den T1 und des Klassikers Joker für den T2 im Jahr 1989 mit der Fertigung des California begonnen.

Vorläufer: Der Westfalia Joker auf T2-Basis hat die steile Karriere der Campingbusse bei VW begründet. Der T3 stellte die Basis, an Bord fand sich bekannte Technik aus den bisherigen Camping-Bus-Baureihen. Dann aber geriet das mittelständische, westfälische Unternehmen in wirtschaftliche Schräglage, und Daimler-Chrysler stieg bei Westfalia ein. VW Nutzfahrzeuge übernahm den Bau des California in Eigenregie, mit dem T4 nahm die Erfolgsgeschichte des Multitalents an Rasanz zu.

Das VW-Mobil erreichte in seiner Neuauflage als T5 neue Verkaufsrekorde und leider auch Rekordpreise. Wer für seinen California mehr als 80.000 Euro ausgeben will, hat keine Mühe. Ein paar Klicks an den richtigen Stellen des Konfigurators – und schon zeigt er uns eine Acht an erster Stelle. Aber allzu speziell sollte die Individualisierung des VW-Campingbusses dann doch nicht geraten. Denn die große Nachfrage und begrenzte Produktionsvolumina (VWN arbeitet bereits im Dreischichtbetrieb) haben beim aktuellen Modell T6 zu wirklich ernstzunehmenden Lieferzeiten geführt. Wer nicht von der Stange kaufen will, sprich: das nimmt, was zufälligerweise beim Händler steht, der kann schon mal um 12 Monate Geduld gebeten werden.Neue Technik macht heute das Leben an Bord leichter und komfortabler als in den 1970er Jahren, wo entweder ausgediente Orangenkisten oder eben Sperrholzmöbel nur für einen kargen Kuschelfaktor sorgten. Klar, auf rund acht Quadratmeter Grundfläche, die man sich zudem mit einer Schlafcouch, einem Kleiderschrank, einer Küchenzeile und am Ende noch mit einem Mitmenschen teilen muss, ist es mit Bein- und Bewegungsfreiheit nicht weit her. Das Wohnzimmer beginnt jenseits der Schiebetür, die aufgrund eines hilfreichen Zuzieh-Assistenten heute nicht mehr zum Schrecken der Campinplatz-Nachbarn zählt. Denn wer nachts mal muss, der muss von Bord gehen. Für eine Kassetten-Toilette ist im California kein adäquates Plätzchen übrig.

Knapp sind auch die beiden Liegeflächen geschnitten. Ist das Hubdach geöffnet, schläft es sich oben auf 2,03 mal 1,20 Meter zu zweit ganz ordentlich. Der Aufstieg gelingt unter Zuhilfenahme der Vordersitze halbwegs beweglichen Campern mühelos, der Liegekomfort ist ob der vergleichsweise dünnen Matratze erstaunlich gut. Sie liegt tatsächlich auf einem Lattenrost auf. Im Dach sind LED-Leseleuchten integriert, gelüftet wird über Netz-bewährte und per Reisverschluss zu öffnende Fenster. Unten muss die Kombibank mit zwei Sitzen nach vorne gezogen, die Lehne nach hinten geklappt werden. Dann entsteht eine 1,18 Meter breite Liegefläche, die manchem Paar zu schmal ist, zumal Seitenwand und Kleiderschrank samt Küchenblock auf der anderen Seite ausgefahrene Extremitäten in Zaum halten.

Wer sich arrangiert, kann im California richtig kochen. Ein an der Küche angeschlagener Tisch taugt bei den Vorbereitungen und beim Dinieren, wenn die beiden Vordersitze gedreht werden und dann insgesamt vier Camper Platz nehmen können. Gekocht wird auf zwei Gasbrennern, der Vorrat von drei Kilogramm reicht ewig, da zum Heizen Dieselöl verwendet wird und eine Edelstahlspüle mit elektrischer Wasserversorgung ermöglicht den Abwasch. Die 43 Liter große Kompressor-Kühlbox ist tiefkühltauglich und arbeitet mit geringer Energieaufnahme, Der Wasservorrat von 30 Liter reicht ebenfalls für viele Tage. Zumindest, wenn der California-Bewohner die durch die geöffnete Heckklappe erreichbare Außendusche nicht über Gebühr nutzt. Das Open-Air-Brausevergnügen empfiehlt sich mangels einer Wassererwärmung und zumindest ab Werk fehlendem Duschvorhang ohnehin nur bei sommerlichen Temperaturen.

Stauraum gibt es reichlich. Unter der Sitzbank finden Ausrüstungen wie Stromkabel, Wasserschlauch, Vorzelt oder Auffahrkeile angemessenen Platz, Vorräte kommen in den beiden Unterschränken der Küche unter, die größer sind als sie aussehen. Im Kleiderschrank lässt sich die Garderobe unterbringen, und unter der Liegefläche im Heck findet sich genügend Raum für den Großeinkauf beim Winzer.

Wenn das Campen mit dem California in vielerlei Hinsicht Kompromisse fordert, so überzeugt der T6 als aktuelles Basisfahrzeug mit tadelloser Alltagstauglichkeit. Der fünf Meter lange Bus kommt in Parklücken mit Standardmaßen, scheut vor Parkhäusern mit zwei Meter Einfahrtshöhe nicht zurück und lässt sich dank übersichtlicher Karosserie einfach rangieren. Infotainment und Assistenzsysteme siedeln auf Personenwagen-Niveau, das Fahrverhalten ist überaus sicher und Spurstabil.

Bei den Motorisierungen gibt es reichliche Wahlmöglichkeiten. Bis zu 150 kW/204 PS liefert der Zweiliter-Vierzylinderdiesel, in dieser Ausführung macht er den California fast 200 km/h schnell. Wir waren mit der weniger kräftigen Version sehr zufrieden unterwegs, zumal diese Maschine bei gemütlicher Landstraßen-Bummelei mit kaum mehr als sechs Liter Treibstoff auskommt. Wer zügig über die Autobahn rauscht, muss mit mehr als zehn Liter rechnen, 7,2 Liter sind als Mittelwert für den 2,5-Tonner durchaus angemessen (Zuladung rund 500 Kilogramm).

Bleibt der Preis. Knapp 61.900 Euro kostet die California-Version Coast Edition mit 150 PS und dem siebengängigen Doppelkupplungsgetriebe DSG. Auch beim mittleren Ausstattungsniveau, das zwischen den Varianten Beach und Ocean angesiedelt ist, bleibt Luft nach oben. Schickere und größere Leichtmetallräder, Assistenten und Infotainment treiben die Kaufsumme zügig auf 70.000 Euro. Dafür gibt es schon kräftige motorisierte Business-Limousinen. Die sich aber nicht zum Übernachten eignen. Oder einen Kastenwagen als Reisemobil mit Dusche und Toilette an Bord.

VW lässt sich Erfahrung, Spitzenqualität und eine Fülle von findigen Ideen eben bezahlen. Denn wer sonst nutzt den knappen Raum, um Campingausrüstung platzsparend unterzubringen. Im California sind zwei bequeme Klappstühle in der Verkleidung der Heckklappe und ein solider großer Tisch in einer Aussparung der inneren Schiebetür versteckt. Da muss einer erst mal drauf kommen. Und deshalb wundert es kaum, dass VWs Campingbus zum Bestseller seiner Klasse avancieren konnte. Tauglich für Urlaub und Alltag eben.

(mid)