Auch Auto-Journalisten haben nicht jeden Tag die Chance, einen McLaren zu fahren. Wenn sich dann die Gelegenheit bietet, gleich zwei Modelle der englischen Sportwagenschmiede zu vergleichen und man dafür nicht mal weit fahren oder fliegen muss. Ja, dann muss man doch zugreifen.

Startpunkt unserer sportlichen Ausfahrt ist die Motorworld in Böblingen. Von dort fahren wir quer durch den Nordschwarzwald und bei Baden-Baden auf die Autobahn. Bei Mannheim geht die wilde Tour dann wieder weg von der Autobahn und ins leichte Gebirge, durch die hessische Provinz bis zu unserem Zielpunkt in Frankfurt. Eine perfekte Strecke also, um diese Supersportwagen im Vergleich zu erfahren.

Ich habe mich auf zwei Modelle konzentriert. Den 720S Coupé und den 570S Spider. Wenn man beide mit zeitlichem Abstand fährt, ist es nicht einfach, Unterschiede festzustellen. Wenn man sie aber an zwei aufeinander folgenden Tagen abwechselnd fährt, wird deutlich, wo die beiden unterschiedlich sind. Um es vorweg zu nehmen, mein Favorit ist der 720S. Nicht nur, weil er noch leistungsstärker ist. Warum noch … verrate ich später.

Die Leistung allein man nicht den Unterschied

Zunächst mal heißt es die Türen zu öffnen. Das ist in einem McLaren nicht ganz einfach. Ziemlich versteckt liegt der elektro-mechanische Druckknopf im Bereich, in dem man ihn erwartet. Ist das geschafft, folgt die nächste Hürde. Das Einsteigen. Kurz Gedanken machen hilft bekanntlich immer. Also einen Fuß rein stellen, sich mit den Händen am Holm festhalten und mit dem Po langsam auf den Sitz nach unten gleiten. Hat auf Anhieb geklappt. Die zweite mögliche Blamage konnte ich vermeiden. Ob mein gedankliches Konstrukt sich allerdings auch mit einem Minirock bewähren würde, bleibt hier unbeantwortet.

Nun gilt es sich einzurichten, die perfekte Sitzposition will gefunden sein. Doch wo lassen sich die Sitze einstellen. Die nächste mögliche Blamage steht auf der Agenda. An den Sitzwangen innen zur Mittelkonsole hin, kaum sichtbar, aber fühlbar. Und wenn man die Schalter gefunden hat, muss man deren Bedienlogik erspüren. Auch das ist geschafft. Die Sitze passen nun wie angegossen. Nur die Lordose-Stütze ist mir auch auf der niedrigsten Stufe noch zu hart. Jetzt will ich aber endlich fahren. Der Startknopf ist schnell gefunden und auch die Einstellungen des 7-Gang-Doppelkuppungsgetriebes geben keine Rätsel auf. Am Lenkrad freue ich mich über Schaltpaddel, mit denen man zusätzlich manuell schalten kann.

Auch wenn ich den Start-Knopf noch so vorsichtig drücke, der 720S röhrt gewaltig los. Mir gefällt das. Was meine Nachbarn am Samstagmorgen dagegen sagen würden? Ich weiß nicht so recht. Vorsichtig gebe ich Gas,  weich und relativ zivil schiebt dieses geile Teil vorwärts. Aber sobald ich dem Gaspedal etwas mehr Druck verpasse, gehen die Pferde mit dem McLaren durch. Wild fauchend scheint er die Grenzen der Physik zu suchen. Aber zum Glück ist die Fahrbahn trocken und in null-Komma-nix bin ich auf Tempo 100. Wie schnell darf man hier eigentlich fahren? Ein Indiz für das gewaltige Potenzial des 720 S sind die Beschleunigungsangaben. Ich lese da 8,8 Sekunden. Bin zunächst enttäuscht, lese weiter und erkenne, dass diese Zahl zwar stimmt, aber die Beschleunigung aus dem Stand auf Tempo 200 beschreibt. Einfach eine eigene Welt. Alles, was ich hier beschrieben habe, trifft (bis auf den konkreten Beschleunigungswert) auf den 570 genauso zu, wie auf den 720 auch. Nur dass der eine brachiale 570 PS bereit stellen kann und der andere noch ein Stück brachialere 720 PS. Hier noch einige weitere Daten für Technik-Freaks: Beschleunigung auf Tempo 100 in rund 3 Sekunden. Vmax über 300 Stundenkilometer. Die Kraft kommt aus 8 Zylindern bei einem Hubraum von 3.800 ccm mit Turbo-Unterstützung. Das gilt für beide. Kann man mehr wollen? Und welcher gefällt mir nun besser? Und warum?

Ein McLaren fasziniert die Menschen

Wo fange ich an? Jedenfalls ist es nicht primär der Leistungsunterschied, der meinen persönlichen Favoriten definiert. Der Motor-Sound des 720S ist intensiver, kommt deutlich von hinten oben und entspricht meiner Vorstellung von einem Sound, den ein Supersportwagen an den Tag legen soll, einfach noch ein Stück mehr. Im 570 sitze ich gefühlt relativ höher, als im 720S. Je näher ich am Asphalt sitze, um so lieber ist mir das.

Das Lenkverhalten des 570 ist nach meinem Gefühl sensibler, als das des 720. Man könnte auch sagen, der 570 verlangt mehr Fahrkönnen. Und selbstverständlich geht der 720S noch ein Stück besser, als der 570, das ist schlicht den schieren Leistungsunterschieden geschuldet. Wenn es bald den 720 auch noch als Spider geben wird, und das ist wohl beschlossene Sache, wüsste ich, welcher mein Favorit ist. Wäre da nicht die Notwendigkeit eines ausreichenden Kontostands. Aber wer sich überhaupt mit der Frage beschäftigen kann, einen Supersportwagen zu erwerben, wird die Preisunterschiede zwischen 570 und 720S oder einem (noch nicht verfügbaren) 720 Spider für marginal erachten.

Aber unabhängig davon, ob 570 oder 720S, bei nassem Untergrund verlangt es einen sensiblem Gasfuß, um nicht aus der Spur zu kommen. So klar und sicher die beiden Supersportwagen bei trockener Strecke durch die Kurven ziehen, so gefährlich wird es bei Nässe. Das gilt selbstredend nicht für die McLaren allein. Das passt genauso auf Ferrari, Lambo und Co. Und tatsächlich wird es gegen Mittag nass. Sehr nass. Also schwimme ich brav im Verkehr mit den Alltagsautos mit. Muss halt sein. Ich tröste mich mit der Gewissheit, dass die Straßen auch wieder trocken werden und das Fahren mit einem McLaren dann wieder diese unbändige Freude macht.

Nix zu kritteln? Doch. Muss ja sein. Alle McLaren Modelle stehen, wo immer sie auftauchen, im Mittelpunkt des Interesses. Am Anfang hat mir das gefallen, doch schon am zweiten Tag beginnt es leicht zu nerven, dass überall Handykameras gezückt werden und man Fragen zum Auto beantworten soll. Aber wer ein solches Auto kauft, wird das wissen und – im Unterschied zu mir – es vielleicht sogar lieben. Schließlich gewinnt auch der Fahrer eines solchen Autos an Attraktivität.