Dem Adam folgt der Karl – kommen bald Wilhelm und Fritz?

Eigentlich mögen die Niederländer uns Deutsche nicht besonders. Doch wenn es ums Auto geht, scheinen sie eine Ausnahme zu machen. „Made in Germany“ steht auch bei unseren Europäischen Nachbarn für Qualität. Und so fahren die Niederländer gern deutsche Autos. Die drei beliebtesten Automarken in den Niederlanden sind Mercedes, Volkswagen und an dritter Stelle Opel. Grund genug für die Rüsselsheimer, den kleinen Opel Karl in Amsterdam zu präsentieren. Von hohler Effekthascherei lassen sich die Niederländer nämlich nicht beeindrucken. Sie lieben das Reale, sind zielgerichtet und trotzdem auf angenehme Weise entspannt. Günstige Gelegenheiten ziehen sie vor. Dafür nehmen sie gern mal einen Umweg über die kostenfreien Deutschen Autobahnen in Kauf.

Karl 1

Auch der Karl möchte mit  seinem Einstiegspreis von 9.500 Euro eine günstige Gelegenheit sein. Ein gebrauchsorientierter Kleinstwagen ganz ohne Schnickschnack. Preislich bewegt er sich im Rahmen seiner Mitstreiter. So kostet ein VW Up zum Beispiel mindestens 9.975 Euro. Für einen Toyota Aygo oder einen Hyundai i10  müssen 9.950 Euro bezahlt werden. Für einen Renault Twingo müssen ab 9.485 Euro investiert werden.

Aber bietet der Karl für diesen Preis mehr als die Wettbewerber? In seiner Grundausstattung sind beispielsweise manuell öffenbare Seitenfenster hinten, ein Bordcomputer, Tagfahrlicht, Antiblockiersystem (ABS), das elektronische Stabilitätsprogramm (ESP), eine Traktionskontrolle, eine Klimaanlage und ein Berganfahrassistent beinhaltet. Die Linie „Edition“ bietet für 10.650 Euro zusätzlich elektrische Fensterheber vorn, eine Sitzhöhenverstellung des Fahrersitzes, einen Tempomaten, den City-Modus für leichteres Lenken, eine Zentralverriegelung mit Fernbedienung, elektrisch verstellbare Außenspiegel in Wagenfarbe und 14 Zoll Stahlfelgen.

Ich denke, dieses Paket werden die meisten Interessenten ins Auge fassen. In der höchsten Ausstattungslinie „Exklusiv“ werden für 12.900 Euro dann ein Lederlenkrad mit Fernbedienung, Klimaautomatik, elektrische Fensterheber, beheizbare Außenspiegel, Nebelscheinwerfer mit integriertem Abbiegelicht, beheizbare Außenspiegel und 15 Zoll Alu-Räder geliefert. Sie sehen, der detaillierte Vergleich fällt nicht ganz leicht.

Funktionalität und Variabilität standen, so Opel Vorstand Karl-Thomas Neumann, im Vordergrund bei der Entwicklung des Karl. Schönheitspreise möchten die Opel-Strategen wohl eher mit dem hochpreisigeren Womanizer „Adam“ gewinnen. Der Karl steht fürs Sachliche. So sind die in seinem Innenraum verwendeten Kunststoffmaterialien eher schlicht und leider auch etwas kratzempfindlich ausgefallen. Dafür gibt es vergleichsweise viel Raum in dem 3,67 Meter langen, nur 939 Kilo wiegenden Kleinstwagen. Bis zu 5 Personen können hier Platz finden. Auch wenn die Mitfahrt auf den Rücksitzen ob des geringen Fußraums kein Vergnügen ist. In der Basis-Ausstattung lässt sich die Rückbank leider nur komplett umklappen. Bei vollständig flach liegenden Lehnen lassen sich bis zu 1.013 Liter Gepäck verstauen. Nicht zu vergessen: Der Karl gibt es ausschließlich als 5-Türer. Sicher kein Nachteil, denn die Rückbank kann so bequemer auch für´s Verstauen von Gepäck genutzt werden.

Nur ein Motor im Angebot

Unter der Haube des Karl schnurrt ein 1-Liter-Dreizylindertriebwerk, das nach Auskunft von Opel speziell für den Einsatz im Karl entwickelt wurde.  75 PS (55 kW) soll der Karl damit leisten. Knurrig, aber munter zieht der Karl los. Ab Tempo 80 tut sich der Kleine dann schwerer. Bis 130 ist es erträglich. Autobahnanstiege sind nicht wirklich sein Terrain. Aber der Karl soll ja ein City-Car sein. In gemütlichen 14 Sekunden erreicht man Tempo 100. Opel gibt den Karl mit einer Endgeschwindigkeit von 170 Stundekilometern an. Die (nur) fünf Gänge lassen sich sauber und behände durch die Gassen schieben. Opel hat für diesen 3-Zylinder aus Kostenründen auf eine Ausgleichswelle verzichtet, so tritt der für 3-Zylinder typische Sound ungefiltert zu Tage, ab Tempo 100 besonders deutlich. An die 5-Gang-Schaltung muss ich mich gewöhnen, denn heute werden neue Autos überwiegend mit einer manuellen 6-Gang-Schaltung ausgeliefert. Opel gibt den Karl mit einem Norm-Mix-Verbrauch von 4,3 Liter (das entspricht 99 Gram CO2) auf 100 Kilometer an. Auf meinen Testfahrten auf dem flachen Land rund um Amsterdam hat der Kleine allerdings knappe 6 Liter verbraucht. Noch immer ein Wert, mit es sich leben lässt.

2014-11-07 13.32.56

Moderne Sicherheits- und Komfort-Features

Neben den serienmäßigen Bestandteilen ABS, Traktionskontrolle TCPlus, ESPPlus und Berg-Anfahr-Assistent, der das Auto beim Start am Hang am sofortigen Zurück- oder Vorrollen hindert, gibt es für den Karl auf Wunsch auch einen Spurassistenten. Sensoren der Frontkamera scannen den Fahrweg und warnen akustisch und optisch vor dem unbeabsichtigten Verlassen der Fahrspur. Das in die Nebelscheinwerfer integrierte Abbiegelicht erhöht die Sicherheit bei Richtungswechseln. Serienmäßig sind sechs Airbags und die den Fuß- und Kniebereich schützenden auskuppelnden Sicherheitspedale PRS (Pedal Release System) an Bord.

Ab der Edition-Ausstattung ist der City-Modus beinhaltet. Diese geschwindigkeitsabhängige Servolenkung macht das Rangieren im dichten Stadtverkehr leichter. Vor unliebsamen Remplern beim Einparken schützt der Parkpilot. Er warnt mit einem akustischem Signal beim Rückwärtsfahren vor Hindernissen. Für das richtige Tempo sorgt der Geschwindigkeitsregler mit Geschwindigkeitsbegrenzer, was äußerst hilfreich im unübersichtlichen Stadtverkehr oder in Tempo-30-Zonen sein kann. Sonnige Sommertage lassen sich mit dem optionalen elektrischen Glas-Schiebedach genießen, das allerdings unangemessene 850 Euro Aufpreis kostet.

Vernetzung kann Leben retten

Ab Herbst ist der Kark mit der neuen Generation des IntelliLink-Infotainment-Systems und dem persönlichen Online- und Service Assistenten Opel OnStar erhältlich. Dieses Kommunikationssystem bietet den Kunden ein breites Angebot an Sicherheits- und Komfortdiensten. Falls bei einem Unfall der Airbag ausgelöst wird, stellt OnStar automatisch die Verbindung zu einer Leitstelle her und der so kontaktierte, ausgebildete Notfallassistent fragt, ob und welche Hilfe benötigt wird. Sollte niemand antworten, leitet er sofort alle notwendigen Maßnahmen ein. Fahrer und Passagiere können Opel OnStar übrigens 24 Stunden am Tag an 365 Tagen im Jahr erreichen, egal ob für den Pannenservice oder andere Dienstleistungen. Zudem wird der Karl mit OnStar zum 4G/LTE WLAN-Hotspot. Bis zu sieben mobile Endgeräte lassen sich an das System koppeln. In der Ausstattungsvariante „Exklusiv“ verfügt der neue Opel Karl serienmäßig über das Radio R300 BT (in Edition 500 Euro Aufpreis) mit Freisprecheinrichtung und Audio-Streaming via Bluetooth-Schnittstelle, Aux-in und USB-Anschluss. Ab Herbst vernetzt IntelliLink den Karl und holt die Welt der Smartphones und mit „Android Auto“ und „Apple CarPlay“ ins Auto.

Foto 02.06.15 16 09 39

So können Karl-Fahrer Funktionen aus ihrem Smartphone wie Navigation, sprachgesteuerte Textnachrichten, Kontakte oder Unterhaltungs-Apps für Musik oder News nutzen. Die IntelliLink-Startseite ermöglicht fünf Hauptfunktionen: Telefonieren (Telefon), Musik hören (Audio), Fotos und Videos anschauen (Galerie), Einstellungen wie etwa die Sprache ändern (Einstellungen) und Apps nutzen (Apps). Die Steuerung vieler Funktionen erfolgt über Knöpfe am Lenkrad, damit die Hände während der Fahrt am Lenkrad und die Augen auf der Straße bleiben können. Ich konnte Apple CarPlay auf meinen Testfahrten bereits unter die Lupe nehmen. Binnen weniger Sekunden sind die Systeme per Kabel und auf Knopfdruck verbunden. Das geht spielend einfach. Kompliment. Die optische Navigationsfunktion überträgt sich ohne erkennbare Zeitverzögerung auf den Bildschirm des Karl. Lediglich die Sprachausgabe war bisweilen kurz unterbrochen.

Fazit

Optisch ist der Karl nicht mein Ding. Das ist Opel Design aus der Vor-Adam-Ära. Aber bei diesem funktionsorientierten Auto steht das Design eher im Hintergrund. Der Karl muss viel Nutzwert fürs Geld liefern. Und das tut er. Übrigens: Der Karl ist nach einem der Söhne von Adam Opel benannt. So bleibt die spannende Frage, ob die nächsten Opel Modelle Wilhelm oder Fritz heißen werden.

Karl von Opel

Wesentliche Technische Daten des Opel Karl 1.0 Ecotec:

Motor: 1.0-Liter Dreizylinder Ecotec
5-Gang-Schaltgetriebe
Leistung: 75 PS / 55 kW
Maximales Drehmoment: 95 Nm
Höchstgeschwindigkeit: 170 km/h
0-100 km/h: 13,9 Sekunden
Norm-Verbrauch (kombiniert): 4,5 L/100 km
Länge x Breite x Höhe in m: 3,68 x 1,70 x 1,48
Radstand: 2,385 m
Ladevolumen: 215 – 1013 L
Leergewicht: 938 kg
Preis: ab 9.500 Euro