Weite Steppen, staubige Wüsten und bedrohliche Berge: Durch diese Szenerien rollten die Planwagen europäischer Siedler in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf der rund 3500 Kilometer messenden Route des Oregon Trail. Über die Rocky Mountains zogen sie gen Westen, um in der Neuen Welt ein fortschrittlicheres Leben zu führen. Mit ähnlichem Pioniergeist ist Volkswagen Gast der Los Angeles Autoshow 2017 an der Pazifikküste. Auch die Wolfsburger treibt der Wille an, eine neue Welt zu erforschen und für sich zu erobern: Bis 2025 will Volkswagen den amerikanischen Massenmarkt für Elektroautos anführen.

Die ersten automobilen Pioniere, die es aus Niedersachsen über den großen Teich schafften, waren der legendäre Volkswagen Käfer und der, aufgrund seiner bulligen Form, liebevoll Bulli genannte Transporter vom Typ 1. Beide trafen den Geist ihrer Zeit. Während der Käfer dafür sorgte, Mobilität für jedermann erschwinglich werden zu lassen, stand der praktische Bulli für das befreite Lebensgefühl der späten 1960er- und 70er-Jahre. Weitere Meilensteine der US-Modelle sind der 1975 unter dem Namen ‚Rabbit’ importierte Golf und der Jetta. Als sportliche Limousine zählt der Jetta in den USA zu den populärsten Fahrzeugen europäischer Herkunft und ist gleichzeitig der meistverkaufte Volkswagen.

In Anlehnung an diese Meilensteine stellt Volkswagen auf der Los Angeles Auto Show in Kalifornien drei vollelektrische Pionier-Modelle auf dem Weg zur Transformation der Marke vor: Den I.D. in Golfgröße, den I.D. Crozz auf Basis des Kompakt-SUV T-Roc und den I.D. Buzz, eine Hommage an den kultigen Bulli. Während die ersten beiden Elektro-Autos aus der I.D.-Familie bereits ab 2020 auf den US-Markt rollen, soll der elektrisierte „Planwagen“ I.D. Buzz zwei Jahre später die Pionierfamilie bereichern. Auf der Basis des modularen Elektrifizierungsbaukastens (MEB) ermöglichen die drei Autos wie schon ihre legendären Vorgänger erschwingliche Mobilität für breite Bevölkerungsschichten – echte Volkswagen eben.

Jeder wahre Pionier sieht sich jedoch auch mit Rückschlägen konfrontiert: Achsbrüche in unwegsamem Gelände, Plündereien und Irrfahrten durch die Dunkelheit warfen die ersten Siedler auf ihren Eroberungsrouten gen Westen regelmäßig zurück. Genau wie diese unerschrockenen Abenteurer startet Volkswagen nach der Bewältigung der Dieselthematik ein kraftvolles Comeback auf dem US-Markt. Mit Investitionen von 900 Millionen US-Dollar konzipierte die Marke den neuen Midsize-Family-SUV Atlas eigens für den nordamerikanischen Markt. Gemeinsam mit dem kompakten Tiguan trifft der Wolfsburger Hersteller damit den automobilen Nerv der Nordamerikaner. Anfang 2018 kommen der neue Jetta und die neue Oberklasse-Coupé-Limousine Arteon dazu und stärken das konventionelle Produktportfolio bis die I.D.-Familie ihr Debüt auf Amerikas Straßen feiert.

Auch die Verkaufszahlen belegen das Comeback: Zwischen Januar und August 2017 verkaufte Volkswagen mit 220 300 Autos insgesamt 6,4 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Im September wuchsen die verkauften Einheiten gegenüber dem Vorjahresmonat sogar um 33,2 Prozent auf 32 112 – im Oktober um 11,9 Prozent auf 27 732 Einheiten. Die Grundlage für diese Comeback-Story bilden Volkswagen-Werke wie das in Chattanooga, im Bundesstaat Tennessee. Nach der Investition von rund einer Milliarde US-Dollar startete dort 2011 die Produktion. Der Standort gilt seitdem als einer der modernsten und saubersten weltweit. Auch die Anzahl der Mitarbeiter spricht für sich: „In den USA beschäftigen wir mehr als 7000 Angestellte direkt“, sagt Hinrich Woebcken, CEO von Volkswagen Nordamerika. „Zusammen mit den über 1000 Händlern und den unzähligen Zulieferern beschäftigen wir in den USA indirekt rund 120 000 Menschen“, ergänzt Woebcken.

Bei der Erschließung neuer Technologien nahm Volkswagen in der Vergangenheit stets eine Vorreiterrolle ein. Bereits 2005 gewann der selbstfahrende „Stanley“ auf Basis eines Volkswagen Touareg in Zusammenarbeit mit dem Racing Team der Stanford University die DARPA Grand Challenge (Defense Advanced Research Projects Agency). Der speziell für diesen Wettbewerb des US-Verteidigungsministeriums entwickelte „Stanley“ fuhr ein Preisgeld von zwei Millionen US-Dollar ein. Damit erzielte er den bis dahin größten Preis eines Robotik-Wettbewerbs. Sein Umfeld nahm der modifizierte Touareg über fünf – damals wegweisende – LIDAR-Sensoren (Lichterkennung- und Ortung), eine Kamera und ein GPS-System wahr.

Aufbauend auf diesen Erfahrungen forscht ein Team aus Ingenieuren, Designern und Wissenschaftlern des Volkswagen Electronics Research Laboratory (VWERL) im kalifornischen Belmont mit dem Ziel, die Innovationen des Silicon Valley mit dem Know-How der Automobilindustrie zu verknüpfen. Da der amerikanische Markt sehr preisempfindlich ist, ist Hinrich Woebcken überzeugt, „mit der Industrialisierung vollelektrischer Fahrzeuge genau das richtige Paket für den amerikanischen Markt anbieten zu können.“ Innerhalb der nächsten fünf Jahre investiert Volkswagen sechs Milliarden Euro in die Elektrifizierung der Marke.

Mit der Kombination aus der zukünftigen I.D.-Familie und der fortschreitenden Entwicklung weiterer Mobilitätslösungen schafft Volkswagen die Grundlagen, erneut emissionsfreie Pionierwagen für die breite Bevölkerung über die Straßen der Vereinigten Staaten rollen zu lassen – inklusive großer Reichweite und deutlich erschwinglicher als bei selbsternannten kalifornischen Elektro-Pionieren. ampnet

Fotos: Volkswagen