Hymer gilt als einer der Pioniere im Bereich der Wohnmobile. Der inzwischen verstorbene Gründer Erwin Hymer erreichte Legendenstatus. Egal mit wem ich am Firmensitz in Bad Waldsee über ihn spreche, aus der Stimme höre ich immer die Bewunderung gegenüber dem Gründer heraus. Sein hoher Qualitätsanspruch und seine schwäbische Sparsamkeit prägen die Firma noch heute. Und so war ich besonders gespannt wie sich die Reise in einem Hymermobil anfühlt.

2-Zimmer, Küche, Bad

Der neue Hymer ML-I beeindruckt mit seiner gewaltigen Länge von 6,99 Meter. Damit ist er fast doppelt so lang wie ein VW Up. Ob ich den Riesen mit meinem Autoführerschein wirklich fahren darf? Die Unsicherheit verstärkt sich, als ich auf dem Fahrersitz Platz nehme. Durch den großen Abstand zwischen Windschutzscheibe und Lenkrad erinnert der Innenraum stark an einen LKW. Selbst die mächtigen Außenspiegel sind bei dem 2,12 Meter breiten Reisemobil wie bei einem LKW angeordnet. Um mit solch einem Koloss noch unter den heiligen 3,5 Tonnen zu bleiben, muss der Hersteller ordentlich Leichtbau betreiben.

Noch nie forderte ein Fahrzeug auf der ersten Fahrt so viel Aufmerksamkeit von mir. Damit in eine Großstadt? Zunächst unvorstellbar! Doch das ängstliche Gefühl legte sich schon bald. Wenige Tage später fuhr ich mit dem großen Reisemobil gelassen mitten durch Oslo und suchte unweit der Oper einen Parkplatz. Richtig gehört. Oslo! Der Hymer ML-I bewegte mich 20 Tage und Nächte über 5.000 Kilometer durch Dänemark, Schweden und Norwegen.

Erstmal packen

Ob da wirklich alles was mit auf die Reise soll reinpasst. Unvorstellbar was meine Freundin alles mitnehmen wollte! Mein Blick war sorgenvoll: Kleider, Lebensmittel, Getränke, Geschirr und Fahrräder? Zwei Stunden später war das Problem gelöst. Alles war drin! Die Vielzahl an Hängeschränken und Schubladen in der Küche bieten üppig Raum, um all unsere Sachen zu verstauen. Auch im riesigen Kühlschrank mit seinem Volumen von 142 Liter kriegen wir problemlos unsere frischen Lebensmittel unter. Selbst für eine Flasche Rosé ist hier noch Platz. In der geräumigen Garage im Heck hätte mühelos auch ein Motorroller reingepasst.

Lediglich die erlaubte Zuladung ist schnell ausgeschöpft. In der Basisausstattung dürfen 485 Kilo mitgenommen werden. Fahrer, Kraftstofftank, Gasflasche und Wassertank (bis 20 Liter) bereits berücksichtigt. Der Testwagen wiegt durch seine Sonderausstattung etwa 100 Kilogramm mehr, das geht von der erlaubten Zuladung ab. Nun müssen wir noch einen Beifahrer, eine zweite Gasflasche und ein gefüllter Wassertank mit einrechnen. Dann bleibt für das Gepäck nicht mehr viel übrig. Aber in dieser Fahrzeug-Klasse haben alle Wohnmobilhersteller mit dieser Herausforderung zu kämpfen.

Mit dem Riesen unterwegs

Zwei von drei Reisemobile basieren auf dem Fiat Ducato. So auch viele Modelle von Hymer, nicht aber der ML-I. Er basiert auf dem aktuellen Mercedes Sprinter. Der Dieselmotor in unserem Testmobil leistet 163 PS (Aufpreis: 990 Euro). Trotz über drei Tonnen Leergewicht zeigt er sich überraschend durchzugsstark. Auch das 7-Gang-Automatikgetriebe (Aufpreis: 2.590 Euro) weiß ich schnell zu schätzen, denn so bleibt meine Konzentration auf der Straße. Der Verbrauch liegt je nach Fahrweise und Strecke zwischen akzeptablen 10 und 12 Liter Diesel auf 100 Kilometer. Mein Tipp: Ein Extra, auf das ich nicht verzichten würde, ist die Rückfahrkamera für zusätzliche 695 Euro.

Was mich nervte: Eine geöffnete Tür wird bei eingeschaltetem Motor durch penetrantes Piepsen signalisiert. Ein lästiges Dauerpiepsen weist auf das nicht ausgeschaltete Licht hin. Die nicht eingezogene Trittstufe an der Wohnraumtür wird durch ein unangenehmes Summen vermittelt. Erst nach einigen Tagen gelingt es mir die Töne zuzuordnen.

Rollende Ferienwohnung

Trister Rastplatz kurz nach Kassel. 23 Uhr, ich bin müde. Für die erste Nacht auf der Durchreise nach Dänemark muss er herhalten. So ein Reisemobil ist einfach was tolles! Anhalten, noch was kochen, Zähne putzen, Rolläden runter, schlafen.

Im Hymer ML-I 580 befinden sich im Heck zwei Einzelbetten. Bequem sind sie, ohne Frage, aber für meine 1,80 Meter ein wenig zu kurz geraten. Ich würde deshalb eher zum ML-I 560 greifen, weil er ein Doppelbett im Heck hat, das mit seinen zwei Metern um sechs Zentimeter länger ist als die Einzelbetten. Bei beiden Modellen ist ein weiteres Doppelbett (188 x 150 cm) über dem Fahrerhaus. Hier könnten weitere zwei Erwachsene schlafen. Könnten! Denn während der Fahrt ist es Erwachsenen kaum zumutbar auf den vorgesehenen Sitzplätzen auszuharren. Dem stünde zudem das zulässige Gesamtgewicht entgegen. Für zwei Kinder wären die Sitzplätze indes ausreichend. Wer auf das zweite Bett verzichten kann, sollte den teilintegrierten Hymer ML-T ins Auge fassen. Bis auf das Hubbett verfügt er über die identische Ausstattung zu einem niedrigeren Preis.

Norwegen gehört zu den teuersten Ländern der Erde. Ein frischer Lachs mit Gemüse kostet hier 22 Euro. Auf dem Fischmarkt, nicht im Restaurant. Dank der umfangreichen Küche im Hymermobil müssen wir nicht jeden Tag Ravioli essen, wir zaubern uns feinste Gerichte auf dem Gasherd. Für uns ein wesentlicher Teil des Urlaubs. Am Spülbecken neben dem Herd erledigen wir noch vor Ort den Abwasch. Am Esstisch finden durch den drehbaren Fahrer- und Beifahrersitz bis zu fünf Personen Platz. Nach einer langen Wanderung direkt auf dem Parkplatz heiß zu duschen, beschreibt den Luxus eines Wohnmobils sehr gut. Das Bad ist zwar kompakt, aber mit Waschbecken, Spiegel, Toilette, Hängeschrank und Dusche komplett ausgestattet. Die Inneneinrichtung des Hymer ML-I wirkt nicht nur elegant, die Möbel fühlen sich trotz Leichtbau hochwertig an.

Unabhängigkeit

In Schweden und Norwegen gilt das “Jedermannsrecht”. Hier darf Jedermann in einer Entfernung von mindestens 100 Meter zum nächsten Haus frei campen. So können wir auf Campingplätze verzichten. Die Sicht auf einen Fjord ist doch wesentlich schöner, als auf das Reisemobil des Nachbarn.

Durch regelmäßiges Fahren lädt sich die Wohnraumbatterie immer wieder auf. Während unserer Reise fiel ihr Ladestand nie unter 50 Prozent. Kühlschrank, Warmwasser-Boiler, Standheizung und Kochfeld können mit Gas betrieben werden. Mit einer 11 Kilogramm Gasflasche kommt man je nach Klima locker für mehrere Tage oder gar Wochen aus. Zum Engpass wird der 120 Liter Frischwassertank und die Toilettenkassette. Aber auch sie reichen für 3 bis 5 Tage.

Übrigens: Die 230 Volt Steckdosen funktionieren nur mit dem „ML-I Power-Paket” (Aufpreis: 2.190 Euro) ohne externe Stromversorgung. Doch viele Geräte können heute über USB und somit über die immer aktiven 12 Volt Steckdosen geladen werden.

Hymer ML-I 2015 - Fahrerhaus mit Sicht auf Meer

Fazit

Drei Wochen Urlaub liegen hinter uns. Nach kurzer Eingewöhnung klappte das Fahren mit dem Riesen überraschend gut. Der durchdachte Wohnraum bietet alles, was auch eine kleine Ferienwohnung bietet. An den mobilen Luxus haben wir uns schnell gewöhnt. Nach einer Wandertour fühlt sich die Rückkehr ins Hymermobil an, wie nach Hause zu kommen. Dieses Zuhause kostet aber mindestens 78.990 Euro.

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Wesentliche technische Daten des Hymer ML-I 580:

Schadstoffarm nach: Euro 6
Motor: Mercedes-Benz 316 CDI
Getriebe: Automatikgetriebe 7G-Tronic
Leistung: 163 PS / 120 kW
Testverbrauch: 10 bis 12 L/100 km
Länge x Breite x Höhe in m: 6.99 x 2.12 x 2.05
Radstand: 3.665 m
Masse in fahrbereitem Zustand (Basis): 3015 kg
Lichtes Maß Garagentür: 100 x 121 cm
Bettenmaß Heck: 194 x 80 cm
Bettenmaß Hubbett: 188 x150 cm
Schlafplätze: 4
Kühlschrankvolumen: 142 Liter
Wasserversorgung: 120 Liter
Abwassertank: 20 Liter
Steckdosen 12 V / 230 V: 2 / 4
Basispreis: 78.990 Euro
Testwagenpreis: 87.685 Euro

Vielen Dank an die Kesselhaus GmbH für die Ermöglichung des virtuellen Rundgangs!