Gunnar Herrmann steht seit Januar 2017 an der Spitze von Ford in Deutschland. Seine Karriere begann der gebürtige Kölner vor 40 Jahren als Auszubildender bei Ford. Wie der neue Deutschlandchef künftig Einfluss nehmen wird und welche Auswirkungen der Verkauf von Opel an PSA für Ford haben wird, fragte der-Autotester.de am Rande des Autosalons in Genf nach. Das Gespräch mit Gunnar Herrman führte Dr. Friedbert Weizenecker.

 

Herr Herrmann, Sie sind ja ein Urgestein bei Ford. Schon Ihre Berufsausbildung haben Sie bei Ford absolviert. War folglich auch ein Ford Ihr erstes Auto?

Herrmann: Mein erstes Auto war ein VW Käfer Baujahr 1968. Mein erstes selbst bezahltes Auto war dann aber in der Tat ein Ford Escort Diesel.

Und welches Auto fahren Sie heute?

Herrmann: Zur Zeit fahre ich einen Ford Edge Sport, einen Kuga ST-Line und natürlich mein gutes altes Stück: ein TR 6, als einer der ersten gebaut im Jahr 1969. Ich liebe die Formensprache dieses Autos und ich ertappe mich, wie ich vor diesem Auto stehe um seine Linien und seinen Schwung verfolge. Und wenn ich drin sitze, sehe ich den langen Vorbau und die Flügel – einfach schick.

Herr Herrmann, Sie haben Ihre neue Aufgabe mit Beginn dieses Jahres angetreten. Was wollen Sie in 2 Jahren mit Ford erreicht haben?

Herrmann: Das ist für mich ganz klar und eine ganz kurze Antwort: einen zweistelligen Marktanteil. Vor 5 Jahren waren wir bei 6,8 Prozent und in 2016 bei etwa 8 Prozent.  Das ist schon ein ganz guter Weg. Wir sind mit unserem Produktportfolio sehr gut aufgestellt und haben noch einiges im Köcher. Bei uns hat inzwischen jedes Produkt einen eigenen Charakter, so dass ich einen Marktanteil von 10 Prozent in 2 Jahren für absolut erreichbar halte.

…weil der europäische Markt ja kaum noch wächst, müssen die Zuwächse von anderen geholt werden?

Herrmann: Ja, aber ohne spezifisch zu werden, sage ich, noch nie war die Chance so groß. Die Brand-Reputation von Ford hat sich in den letzten 5 – 6 Jahren sehr positiv entwickelt, das ist für mich ein Gradmesser. Wir haben heute kaum noch Produkte, die negativ aus der Reihe fallen.

Vehicle Line Director
Ford of Europe

Jüngst wurde ja der Verkauf der Marke Opel von GM an PSA verkündet. Welche Auswirkungen sehen Sie hier für Ford in Deutschland?

Herrmann: Ford ist seit 2 Jahren in Deutschland profitabel. Wir achten sehr darauf, dass unsere Verkäufe mit den richtigen Produkten positive Erträge abwerfen. So bewegen wir uns auch am unteren Rand der Branche bei Selbstzulassungen. 2016 haben wir 800 Millionen Euro Gewinn in Europa gemacht. Wir springen längst nicht mehr auf jeden Zug und das ist auch der Unterschied zu Opel. Wir verkaufen höherwertig ausgestattete Autos und damit ist auch unser Preisniveau nach oben gegangen. Unsere Kunden wollen das und tragen das mit. Wir sind erfolgreich aus dem Discountbereich heraus gekommen.


An welcher Stelle haben Sie als Deutschland-Chef die Möglichkeit Einfluss zu nehmen?

Herrmann: Das ist sicherlich schwierig. Aber ich behalte ja meinen Sitz im Vorstand von Ford in Europa, so dass ich in die Entscheidungen auch global eingebunden bin. Damit habe ich wesentlich mehr Einfluss auch auf die Produktentwicklung. Zudem bin ich in Europa für den Bereich Qualität zuständig, über den ich sehr stark eingreifen kann. Daher war es für mich wichtig, meine Funktion im Vorstand von Ford Europa zu behalten. Denn Sie haben recht, dass der Chef der Deutschen Ford Werke ansonsten stark administrative Funktionen hat. Aber auch hier kann ich etwas bewegen. So gab es bisher keinen Lehrstuhl an einer deutschen Hochschule für Batterie-Technologie. An solchen Stellen kann ich meinen Einfluss geltend machen.

Immer mehr Hersteller verabschieden sich von den großen Publikumsmessen wie hier in Genf oder in Detroit. Volvo hat sich von der IAA verabschiedet. Wie sehen Sie diese Entwicklung für Ford?

Herrmann: Das ist sicherlich ein Riesenproblem. Die Messen werden sich verändern. Die „New Mobility World“ in Frankfurt ist sicherlich ein Versuch, das Thema anders aufzusetzen. Wir haben inzwischen unsere „Go further“ Events, die mit Blick auf das Messaging-Potenzial um ein vielfaches besser funktionieren, als große Messen. Jeder Hersteller muss sehen, wie er sich hier aufstellt. Ich würde schon sagen, für Messen bricht eine kritische Zeit an, wenn man es nicht schafft, die Themen in Richtung „Mobilität“ zu wandeln, und die Googles und Apples dieser Welt mit ihren Serviceleistungen zu integrieren. Auch der „Mobile World Congress“ in Barcelona ist ein Zeichen dafür, dass eine neue Zeit anbricht. Und darauf muss man sich einstellen. Die Teilnahme von Ford an den großen Messen ist ein bei uns intensiv diskutiertes Thema. So haben wir den Automobil Salon in Paris im letzten Jahr nicht mitgemacht, und dadurch ist uns kein erkennbarer Schaden entstanden.

 

Zur Person:

Gunnar Herrmann (56 Jahre) hat zum 1. Januar 2017 Bernhard Mattes als Vorsitzenden der Geschäftsführung beerbt. Herrmann war bislang bei Ford Europa als «Vice President» für die Qualitätssicherung verantwortlich. Seine Karriere begann er 1979 als Auszubildender bei Ford, danach studierte er Fahrzeugbau in Hamburg und erwarb an der Loughborough University in England einen Master-Abschluss in Advanced Automotive Engineering. Danach begann Hermann im John Andrews-Entwicklungszentrum in Köln-Merkenich in der Karosserie-Konstruktion. Nach einer Verpflichtung in den USA leitete er seit 1994 verschiedene Fahrzeugprojekte. Ab 2002 war er als Entwicklungsdirektor für das weltweite Modellangebot von Ford im wichtigen C-Segment verantwortlich.