Bernie Ecclestone, schillernder Ex-Boss der Formel 1, ist erneut wegen Bestechung verklagt worden. Ziel ist wieder ein Schadenersatz in Multi-Millionenhöhe. Womöglich wird ihm dann die Lust am Spotten vergehen.

Ruhe für den alten Mann? Nix da, der 87-Jährige wird von Juristen weiter mächtig auf Trab gehalten. Es geht um Bernie Ecclestone, den ehemaligen Machthaber des Formel-1-Geschäfts. Ein Gewerbe, das ihn zum mehrfachen Milliardär und seine Partner zu vielfachen Millionären gemacht hat. Wer dachte, er selbst womöglich auch, dass die Streitereien vor Gericht längst ein Ende hätten und dass er sein Vermögen gemütlich mit seiner dritten Ehefrau Fabiana im schweizerischen Gstaad verfuttern könnte, der irrt. Die Bestechungsaffäre geht in eine neue Runde, und sie könnte ihn erneut eine Menge Geld kosten.

Vor fünf Jahren, Mitte Juli 2013, hatte Ecclestones Konto schon einmal schwer gelitten. Damals erklärte er sich vor dem Landgericht München bereit, 100 Millionen Dollar zu zahlen. Im Gegenzug wurde das Verfahren gegen ihn eingestellt. Das war eine Art moderner Ablasshandel mit Freikauf. Wobei die Zahlung der riesigen Summe durchaus einem Schuldeingeständnis gleich kam. Und der Vorwurf gegen ihn besteht unverändert. Er wird sogar vor Gericht neu verhandelt: Bestechung in der alten Angelegenheit. Diesmal muss der Brite allerdings nicht in Deutschland, sondern in London vor den Kadi.

Der neue Prozess beginnt am 1. Oktober 2019. Kläger ist die in Atlanta/USA ansässige Investmentfirma Blue Waters Communications. Neben dem ehemaligen Formel-1-Machthaber müssen sich dann auch die Bayern LB sowie Ecclestones Familienholding Bambino verantworten. Blue Waters behauptet, sich im Jahr 2005 intensiv und aussichtsreich um eine Kontrollmehrheit der Formel-1-Holding bemüht zu haben und um genau diese unrechtmäßig gebracht worden zu sein. Der Deal sei wegen einer auf Bestechung basierenden Vereinbarung zwischen Ecclestone und Gerhard Gribkowsky nicht zustande gekommen. Somit hätte Blue Waters auf signifikante finanzielle Gewinne verzichten müssen. 2014 hat das Unternehmen schon einmal versucht, in New York vor Gericht zu ziehen. Das scheiterte, weil das Gericht argumentierte, New York sei der falsche Gerichtsstand. Nun also London.

Auch bei der neuen Klage geht es um die unrühmliche Affäre Gribkowsky. Der promovierte Jurist war einst Risikovorstand bei der Landesbank in Bayern, die Anfang der 2000er Jahre 46,6 Prozent der Anteile des damals sehr verschachtelten Formel-1-Konzerns hielt. Von seiner Bank war Gribkowsky in den Formel-1-Aufsichtsrat entsandt und damit beauftragt worden, für die Anteile einen Käufer zu finden. Nach vielen Winkelzügen und einem schier ewigen Gezerre um die Macht im PS-Zirkus stellte sich heraus, dass der alte Strippenzieher Ecclestone unbedingt verhindern wollte, dass die Mehrheit der Motorsport-Königsklasse, immerhin von ihm zu einem milliardenschweren Profitbetrieb hochgepäppelt, auf keinen Fall in den Besitz von jemandem geraten durfte, der mit ihm nichts zu tun haben will.

Also wurde einiges gefingert, vermeintlich unauffällige Unterfirmen in Steuerparadiesen gegründet, nur um sicherzustellen, dass Ecclestones Einfluss auf die Formel 1 weiter dominant bleibt. Und dafür hat er Gribkowsky geschmiert – angeblich mit 50 Millionen Dollar. Das hat die Staatsanwaltschaft durch mühsame Kleinarbeit zutage gefördert und schließlich am 19. Juli 2011 Anklage beim Landgericht München I gegen den Banker erhoben. Am 20. Juni 2012 legte Gribkowsky ein Geständnis ab. Er gab zu, dass er für den Verkauf von Formel-1-Rechten Schmiergeld kassiert hatte. Wegen Bestechlichkeit, Steuerhinterziehung und Vertuschung wurde der gebürtige Bremer später zu achteinhalb Jahren gesiebter Luft verurteilt. Zwei Drittel der Strafe hatte Gribkowsky abgesessen, als er am 3. März 2016 auf Bewährung entlassen wurde. Jetzt geht die Chose im Grunde von vorne los, oder, je nach Sichtweise, sie wird fortgesetzt.

Wie trickreich Ecclestone vorgeht, zeigt eine Anekdote aus dem Anfang seiner Karriere, als er noch selbst gerne am Steuer eines Rennwagens Gas gab. 1958, da war er 28 Jahre alt, besaß er ein eigenes Team. Aus Ego-Gründen reichte es ihm offenbar nicht, Teamchef zu sein. Er wollte beim Grand Prix in Monte Carlo selbst an den Start. Problem: Ecclestone musste sich mit einer entsprechenden Trainingszeit fürs Rennen qualifizieren. Das gelang jedoch nicht. Der Brite ließ nicht locker und probierte es auf seine sehr eigene Weise, im zweiten Zeittraining doch noch einen Starplatz zu ergattern. Er animierte einen weitaus talentierteren Kollegen (wohl mithilfe eines hübschen Sümmchens) dazu, mit seinem Helm auf dem Kopf als vermeintlicher Ecclestone eine Zeit auf den Asphalt zu nageln, die ihn berechtigt hätte, noch in die Startaufstellung reinzurutschen. Der Schwindel flog nicht zuletzt deswegen auf, weil der Fahrerkollege deutlich größer war als der nur 1,59 Meter kleine Bernie. Beide wurden disqualifiziert und waren fortan als Betrüger gebrandmarkt.

Ecclestone wurde 1930 in einen finanziell minderbemittelten Arbeiterhaushalt im englischen Ipswich geboren. Aufgewachsen im Londoner Stadtbezirk Bexley, beendete er mit 16 Jahren die Schule. In dieser Zeit hatte er bereits als kommender Geschäftemacher von sich reden gemacht. Ecclestone: „Ich habe schon früh mit allem gedealt und gehandelt, was mir nur in die Finger kam. Zuerst Kaugummi gegen Radiergummi, dann Farbstifte gegen Schulhefte, später Fahrradpumpen gegen Fußbälle. Ich habe immer alles verkauft oder getauscht.“ Dieses Händchen fürs Geschäft und der daraus resultierende raketenhafte Aufstieg ins Big Business des Motorsports führte ihn schließlich ganz an die Spitze. Er wurde für vier Jahrzehnte der Formel-1-Pate. Die damit verbundenen Insignien der Macht zeigte er gerne oder ließ sie andere spüren: Auf jeder Grand Prix-Rennstrecke dieser Welt stand ein schwarzer S-Klasse-Mercedes eigens für ihn bereit, der nicht ein normales Nummernschild, sondern stattdessen ein Schild mit seinem Namen trug. In seiner mobilen Zentrale im Fahrerlager, einem Palast ähnlichen Wohnmobil mit dem Beinamen „Kreml“, hielt er Hof. Darin saß er in seinem Ledersessel und beobachtete durch die dunklen Scheiben, die keinen Blick nach innen zuließen, wie die Höflinge draußen um eine Audienz bei ihm buhlten. Wenn ihm danach war oder es die Geschäfte erforderten, dann drückte er auf einen Knopf seiner Tür-Fernbedienung und gewährte Einlass.

Und liebend gerne inszenierte er sich oder bediente die nimmersatten Medien, die an seinen Lippen hingen, stetig mit kessen und unverschämten Sprüchen. In den Archiven der Weltpresse kann man sie nachlesen. Ein paar Kostproben:

Über Frauen – „Ich habe eine dieser wundervollen Ideen: Frauen sollten immer ganz in Weiß gekleidet sein, wie all die anderen Küchengeräte.“

Über Saddam Hussein – „Man braucht jemanden, der den Lichtschalter an- und ausknipst. Saddam Hussein war jemand, der den Schalter ausgeknipst hat. Er hat aus dem Irak ein stabileres Land gemacht. Das ist doch bewiesen, oder? Wir haben etwas Schreckliches gemacht, als wir die Idee unterstützten, ihn loszuwerden.“

Über Adolf Hitler – „Ich vermute, es ist schrecklich, das zu sagen, aber – abgesehen von der Tatsache, dass Hitler mitgerissen und überredet wurde, Dinge zu tun, von denen ich nicht weiß, ob er sie tun wollte oder nicht – konnte er viele Menschen führen und war fähig, Dinge zu erledigen.“

Über Wladimir Putin – „Ich bin sein größter Fan.“

Über Donald Trump – „Donald Trump ist gut für die Welt, gut für Amerika. Er ist flexibel. Und er ist bereit, die Veränderungen vorzunehmen, die Amerika und die Welt brauchen. Die Welt ändert sich. Also brauchst du Leute, die sich mit verändern wollen.“

Über die Olympischen Spiele – „Das einzig Gute an Olympia sind die Eröffnungs- und die Schlussfeier. Das ist eine tolle Show. Ansonsten ist es völliger Quatsch.“

Über sein Geschäftsprinzip – „Ich denke, mit Demokratie bringt man den Laden nicht zum Laufen.“ Und: „Wir sind nicht so etwas wie die Mafia, wir sind die Mafia.“

Über die Rolle der Fahrer in der Formel 1 – „Die Fahrer sind Windbeutel. Sie können sagen, was sie wollen. Sie können nichts machen.“

Über die Handgranate in seinem (ehemaligen) Londoner Büro – „Es war noch nicht der richtige Besucher da, um sie zu zünden.“

Über Japan – „Ich liebe es, nach Japan zu fliegen. Dort sind alle so groß wie ich.“

Über sich als Gebrauchtwagenhändler – In einem Kapitel des Buches ‚No Angel…‘, wird geschildert, wie er einen Kunden rüde abgefertigt haben soll, der mit einer Reklamation nach dem Kauf eines MG bei ihm auf der Matte stand, weil das Auto nicht die versprochene Heizung besaß. Angebliche Reaktion von Ecclestone: „Nennst du mich einen Lügner? Junge, du solltest vorsichtig sein. Ich ließ schon Leuten die Finger abschneiden.“

Über die Zahl seiner Freunde im Fahrerlager – „Das hängt von der Uhrzeit ab. Heute vielleicht viele. Morgen keinen mehr.“

Über die Zukunft der Formel 1 – „Im Ballett will ich Tänzer auf den Zehenspitzen sehen, nicht mit normalen Schuhen auf der ganzen Sohle. Von der Formel 1 erwarte ich pure Power, Lärm, Spektakel. Wir sind im Unterhaltungsgeschäft.“

Diese Neigung Ecclestones, viele Dinge pointiert-ätzend oder auch humorvoll auf den Punkt zu bringen, war für Red-Bull-Teamchef Christian Horner vor sieben Jahren Anlass, seinem Landsmann zu dessen 80. Geburtstag ein bissig-ironisches Geschenk zu überreichen: Einen Rollator mit Frontspoiler in Red-Bull-Farben am unteren Ende, Red-Bull-Brausedosen mit langen (!!!) Strohhalmen oben an den beiden Griffen sowie mit einem Formel 1-ähnlichen Lenkrad und aufgemalten Drucktasten für sehr persönliche Funktionen:

• Eine, um den Rechtsanwalt zu rufen,
• eine, um seine exorbitanten Einnahmen zu begrenzen (Cash Limiter),
• eine, um eingehende Nachrichten zu ignorieren,
• eine, um seine Pflegerin zu rufen,
• eine, um seinen Buchhalter zu aktivieren
• und eine, um Viagra zu bekommen.

Soweit, so lustig. Ob sich Ecclestone allerdings angesichts des massiven juristischen Ärgers, den er seit Jahren am Hals hat, noch immer über seine Kritiker erhebt, indem er sie mit Spott bedenkt, dürfte inzwischen mehr als fraglich sein. Vor Jahren, als er schon einmal aus dem Amt gedrängt werden sollte, sagte er im Moment seines Triumphes noch dies: „Jedes Mal, wenn die denken, sie hätten mich an den Eiern, stellen sie fest, dass ihre Hände dafür nicht groß genug sind.“ Bald womöglich schon. ampnet

Foto: Auto-Medienportal.Net/Wikipedia/Von Ryan Bayona – Flickr: Bernie Ecclestone, CC BY 2.0