Die journalistische Herangehensweise ans neue Automobil läuft fast immer nach Schema F ab:
Anschauen, fahren, bewerten.
Beim neuen A8 hat sich Audi dieses Mal was Besonderes einfallen lassen. Klar, denn das große Flaggschiff ist für den, im VW Konzern eingebetteten Hersteller, eines der wichtigsten Modelle. Das liegt nicht nur an einem seiner Hauptabsatzmärkte – China – wo vor allem die lange Version geschätzt wird. Sondern eben auch an den neuen Technologien, die zuerst im Dickschiff präsentiert und später in die komplette Modellpalette runter gezogen werden.

Pünktlich, eine Woche vor der offiziellen statischen Weltpremiere des neuen Audi A8, lud Audi eine Hand voll Influencer, Journalisten und Blogger dazu ein, sich dem neuen Technologie-Träger der Ingolstädter Marke von einer ganz anderen Seite zu nähern. Blind – mit verbundenen Augen wurde der Audi von außen und innen sinnlich berührt. Mit den neuen Sommer- und Winterdüften, dem überdimensionalen Touch-Bediensystem, das über zwei Ebenen ragt und dem frisch entwickelten 3D-Soundsystem war für fast alle Sinne was geboten. Aber eben nicht zu sehen. Das klingt romantisch, erinnert an eine verruchtes Vorspiel, schafft Analogien zu einem spannenden ersten Mal – und genau so war es auch. Hier die Emotionen zu einer erste Berührung des neuen A8.

Es geht los. Irgendwie, da bin ich ehrlich, dieses Gefühl habe ich in den letzten Jahren selten verspürt: Ich bin nervös. Die Chefin der Audi „Lack und Leder“-Abteilung führt mich in eine geheime Halle, deren Standort unbekannt bleiben muss. Hier entwickelt Audi die automobilen „Drogen“ für den Weltmarkt. Ein Ort ohne Fenster, abgedunkelt, ich schaue mich um, sehe weder Fesseln noch Peitschen – bin beruhigt. Da steht er vor mir, der neue Audi A8, ganz unschuldig in einen zarten seidenen Umhang gehüllt. Er ist groß, viel größer als gedacht und wirkt irgendwie erschreckend muskulös. Das sehe ich noch. Doch jetzt, und das ist auch etwas ganz Neues für mich, muss ich weder Socken noch Schuhe ausziehen, sondern bekomme einen Schutz-Gummi über meine Stiefel gestülpt. Ich fühle mich schmutzig. Und als wäre das nicht schon genug Neues, werden mir jetzt meine Augen verhüllt. Das ist okay, denn bisher habe ich die Erfahrung gemacht, das man dem Ingolstädter Automobilhersteller durchaus vertrauen kann. Doch spätestens als mir eine zarte Frauenstimme in englischer Sprache mit italienischem Akzent ins Ort flüstert: „Trust me, followe me, I will take care of you – We will have fun together, but you have to let it flow“, bekomme ich Gänsehaut. Ich spüre wie leichte Schweißperlen meine Stirn benetzen, obwohl der Raum angenehm temperiert ist. Das ich von einem Kamerateam gefilmt werde und sicher aussehe wie ein Idiot, verändert meine gemischte Gefühlslage aus Spannung und Nervosität nicht zum Besseren.

 „Open your Wings“ und ich ziehe das weiche Seidentuch vom Kollos. Ein Meer aus Stoff gleitet durch meine Hände. Was für ein massiver Körper, denke ich mir. Jetzt steht er da, splitter-nackt, direkt vor mir. Doch meine Augen sind verhüllt. Hätte ich mir doch nur die Haare gemacht oder frische Unterwäsche angezogen. Ich rieche wie mein Deodorant versagt. Langsam und ungewohnt zärtlich nähere ich mich dem nackten A8, berühre ihn an seinen fünf Ringen. Ich bin beruhigt, es ist zweifellos ein Audi. Mit einem Lada würde ich ein solches Experiment definitiv nicht machen. Denn wer weiß, wer da schon so alles drin war, hört man doch von der ein oder anderen Krankheit und ob der vorher in der Waschanlage war? Aber zu meiner Nächsten steht ein Audi, das Flaggschiff des Konzerns, eine Woche vor der offiziellen Weltpremiere. Wird schon ok sein. Im Wissen darüber, dass mich meine Freunde nach dieser Geschichte ganz sicher mir Spott und Häme empfangen werden. Meine Gedanken entgleiten mir, ich glaube ich bin zu grob. Denn die weiche Stimme neben mir flüstert mir ins Ohr: “ Not so fast – Touch him, like you would touch a woman“. Ok, jetzt ist das Ganze kein Spaß mehr. Also ertaste ich den tiefen, breiten Kühlergrill. Arbeite mich langsam bis an die schlanken, massiven Frontleuchten vor. Ich bin beeindruckt, denn ich kann ihre grazile Silhouette fühlen. Was mit den Lichtern noch klappt, erweist sich bei der mächtige Front als schier unmögliches Unterfangen. Entweder ich bin zu klein, meine Arme sind zu kurz oder der Audi ist zu breit. Vielleicht ist mein Körper seiner nicht würdig.
Ich werde lockerer, bin im flow. Arbeite mich noch langsam an die seitlichen Wangen vor, spüre wie Linien zusammen laufen. Das Design ergibt Sinn. Unterschiedliche Materialien schmeicheln meinen Händen, der Ursprung der eleganten Form endet an einer muskulösen Schulterlinie. Macht wohl Sport der neue Audi, da bin ich mir sicher, denn er hat kein Gramm zu viel, wirkt ausdefiniert und ist im Fitnessstudio sicher einer der Breitesten seiner Zunft.

Ich weiß, dass sich Männer grundsätzlich in Arsch- und Brusttypen unterscheiden lassen. Als ich mich ans Heck vortaste, blind und unbeholfen, spüre ich, dass ich wohl ersteres bin. Das Hinterteil des Neuen als J.Lo-Po zu bezeichnen wäre schlichtweg untertrieben. Viel zu facettenreich, knackig und groß ist er dafür. Alles scheint da, wo es hingehört. Rückleuchten, auf deren schlanke schlichte Form mit deren schmalen Verbindungs-Stegen die Konkurrenz bestimmt neidisch sein wird.
Ich schwitze, fühle meine roten Ohren – irgendwie ist das Alles zu viel für einen autobegeisterten Jungen vom Lande. Nun darf ich in sein Innerstes. Was schon von der puren Äusserlichkeit lockt, ist im Innern ein Luftschloss. Ein genialer Materialmix und die unnachahmliche Verarbeitungsqualität werden nur noch von den weichen perforierten Ledersitzen, dem beeindruckenden Raumgefühl und den Kissen ähnlichen Kopfstützen überboten. Man formt mir eine Liegefläche, der Vordersitz wird irgendwie umgeklappt, ich kann die Beine ausstrecken und hochlegen. Die Sitz-Lüftung kühlt den Rücken und eine raffinierte Massage startet. Jetzt ist der Punkt erreicht an dem ich mich bemühen muss, die Augenbinde nicht abzureißen. Nervös spiele ich am Touch-Pad im Fond. Doch plötzlich öffnet sich die Fahrertür und eine harte Männerstimme holt mich aus den Träumen: „Hallo, ich bin bei Audi zuständig für das neue 3D Soundsystem.“ Die Spannung ist zwar weg, doch Erleichterung und Vorfreude macht sich breit. Jetzt habe ich auch mein hormonelles Gleichgewicht wieder gefunden – höre Musik. Der Klang des 3D Soundsystems ist so beeindruckend, dass ich mich in einem Konzertsaal wähne. Das Orchester vor mir, der Sänger irgendwie davor, das Publikum abwechselnd hinter, links oder rechts meiner Ohren. Und wenn ich jetzt noch nicht von dem neuen Klang beeindruckt war, so hat es mir spätestens das Meeresrauschen angetan. Ich höre nicht nur das Meer, ich bin am Strand. Oder auf einem Boot in der Karibik? Die Luft im Audi ist kühler und wesentlich frischer als in der Industrie-Halle. Audi hat einen Sommer- und einen Winterduft in die Belüftungsanlage eingearbeitet. Lässt sich mehr als aushalten auf dem Chefsitz in der Langversion des neuen A8. Leider würden das Gehalt des Fahrers und die Anschaffungskosten der Limousine mein Journalisten-Budget sprengen.
Genug entspannt. Die rauchige Frauenstimme ist wieder da und führt mich beinahe zärtliche zum Fahrersitz. Ich bin hellwach, gespannt auf das neue Infotainmentsystem und dessen Bediensystem. Nur leider sehe ich nichts -noch immer nichts. Meine Tastversuche beginnen am kleinen dicken lederbezogenen Gangwahlhebel. Von hier aus arbeite ich mich nach oben vor. Der Zwei-Ebenen-Touchscreen erinnert an das Konzept des neuen Porsche Panamera. Mit dem Unterschied, dass der obere Touchscreen wesentlich größer scheint, während das untere Element wohl nicht mit vordefinierten Knöpfen besetzt ist, sondern sich wahrscheinlich ebenfalls aus einem vollwertigen Touchpad in der Mittelkonsole zusammensetzt. Bei den Finger-Spielchen erkennen meine Fingerspitzen eine leichte Vibration. Die Bedientasten sind mit einer Sensorik ausgestattet, die die Druckstärke meiner Finger würdigt. Außerdem ertaste ich ein Innenraum-Konzept das ähnlich der S-Klasse kantenlos über die A-Säule ragt, eine schmale Lüftungsdüse welche die volle Breite der Front einnimmt und über dem Touchscreen prominent regiert.

Das lederbezogene Cockpit mit seinen kantigen Nähten schmeichelt meiner Hand genauso, wie das weichere Leder mit dessen handgefertigten Nähten am Gangwahlhebel und Multifunktionslenkrad. Ich fühle offenporiges Holz, gebürsteter Stahl und zartes Glas. Aussteigen? Nein! Die weichen perforierten Ledersitze mit ihren starken Seitenwangen unter dem mit Alcantara bezogenen Dachhimmel fesseln mich. Aber ich weiß, der nächste Ahnungslose wartet, und das Auto wird ohnehin nie mir alleine gehören. Aber unsere gemeinsamem 15 Minuten mit verbundenen Augen wird mir keine mehr nehmen. Mein Blind-Date mit dem neuen A8 ist zu Ende. Am kommenden Dienstag wird es seine Fortsetzung finden. Ganz ohne Augenbinde. Ich werde berichten.