Der mittelständische Hersteller Automobiler Schließsysteme rüstet sich für die Zukunft

Betrachtet man ein neu entwickeltes Automobil, so sieht man auf den ersten Blick das Blechkleid, die Reifen, Felgen und den Innenraum. Doch nicht alles an einem Auto, was man erst auf den zweiten Blick sieht, stammt vom Hersteller selbst. Zulieferer wie Bosch, Schäffler, LUK, ZK oder eben auch Kiekert tragen viel dazu bei, dass Deutschland eine solch herausragende Position in der Automobiltechnik inne hat.

An dieser Stelle wollen wir uns mit Kiekert beschäftigen. Das Unternehmen aus dem nordrhein-westfälischen Heiligenhaus entwickelt und produziert Schließsysteme. Pro Jahr verlassen 67 Millionen Schließsystem die Kiekert-Werke. Im Jahr 2017 stammen rund 20 Prozent aller Schließsysteme, die in der Autoindustrie weltweit verbaut werden, von Kiekert. 6.500 Mitarbeiter in 10 Ländern arbeiten derzeit für den Automobilzulieferer. In den nächsten Jahren soll erstmals das Ziel von einer Milliarde Umsatz erreicht werden.

Wie die Kiekert-Story begann?

Vor über 40 Jahren erfand Kiekert die Zentralverriegelung. Doch man will sich in Nordrhein-Westfalen keinesfalls auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruhen und setzt daher auf Innovationen. Um weiter Global Player und Marktführer in diesem Segment bleiben zu können, will man das Schloss in den Autotüren auf ein neues Level heben. Das E-Schloss und die autonome Tür sollen den Einstieg noch komfortabler gestalten und auch dazu beitragen, lebensbedrohliche Szenarien zu verhindern.

Zum 160 jährigen Firmen-Jubiläum lud der Weltmarktführer der Schließ-Systeme in seine Zentrale nach Heiligenhaus und öffnete die Türen zur Tour durch das geschichtsreiche Werk. Der Vorstandsvorsitzende Dr. Karl Krause gab einen Einblick in die Firmenhistorie, erläuterte aber auch, wie das Produkt in Zukunft aussehen könnte.

1857 wurde Kiekert in Heiligenhaus als kleiner Handwerksbetrieb gegründet. Arnold Kiekert und seine Söhne betrieben eine Schloss- und Beschlagfabrik. 1974 folgte dann die wohl wichtigste Innovation in der Firmengeschichte. Mit der Erfindung der Zentralverriegelung gelang ein echter Meilenstein. Sie war aus Kostengründen anfangs zunächst lediglich den Flaggschiffen der OEMs vorbehalten. Durch die Massenproduktion mit ihren kostensenkenden Effekten wurden die Systeme bald günstiger, und so wuchs die Zentralverriegelung in einem zweiten Schritt in die Masse.

Die Vorteile waren klar: Niemand musste die einzelnen Türen mehr abschließen. Eine eine echte Erleichterung und zudem ein Sicherheitsaspekt. Heute ist ein Auto ohne das zentrale Verriegelungs-System kaum mehr denkbar. 1994 wagte das deutsche Unternehmen dann den Schritt ins Ausland. Man produziert seither in Tschechien, USA, Mexiko, China, Korea, Japan und Russland.

Nach einer Reihe von Übernahmen folgte 2012 der Verkauf des Unternehmens an einen strategischen Investor. So wurde Kiekert vom chinesischen Autozulieferer HeBei LingYun Industrial Group Corporation Ltd. übernommen, der zum Industriekonglomerat China North Industries (Norinco) zählt. Die Chinesen lassen  dem deutschen Unternehmen frei Hand, womit man in Westfalen glücklich und auch erfolgreich ist.

Aktuell produziert Kiekert an 11 Standorten. Kiekert Schlösser sind in jedem dritten Auto wiederzufinden. Kiekert produziert beachtliche 150 Millionen Einheiten pro Jahr und ist Partner von 60 Automarken weltweit. Kiekert-Türschlösser sind in 500 Millionen Fahrzeugen wiederzufinden. Doch nicht allein der Schließmechanismus in den Türen ist gefragt. Die sogenannten Seiten-Tür-Schlösser machen zwar 70 Prozent der Produktion aus, aber immer wichtiger werden auch die sogenannten Frontschlösser, die Automobilen benötigen, die den Kofferraum vorne haben. Das Heckschloss im hinteren Kofferraum gehört sowieso zum Standard. Auch im Innenraum sind Kiekert Produkte zu finden, so etwa an den Klappen der Handschuhfächer.

Dr. Thorsten Nottebaum, Kiekert Sprecher

Trotz der Erfolge der Gegenwart weiß man im Heiligenhauser Unternehmen, dass man aktiv bleiben muss, um auch in Zukunft wettbewerbsfähig bleiben zu können. Die Automobilindustrie befindet sich offensichtlich im Wandel. Neben alternativen Antriebssystemen sind auch autonom fahrende Mobile schon heute im Fokus. Man stelle sich vor, das Auto der Zukunft holt uns zuhause ab und bringt uns zum Flughafen. Will man da noch selbst die Tür öffnen? Mitnichten sagt Dr. Karl Krause, das passe nicht. Also entwickelt das Unternehmen neben dem E-Schloss eine Antriebstechnologie für die Türen. So kann uns ein autonom fahrendes Auto selbstständig die Tür öffnen. Bei elektrisch angetriebenen Autos sei auch die Verriegelung für den Ladestecker ein relevantes Thema, so Krause weiter.

Ein Schritt hin zur autonomen Tür ist also das sogenannte E-Schloss. Zwar darf noch nicht verraten werden, in welchem Modell es als erstes kommen wird, doch werde es bereits in diesem Jahr in der Serie auf dem Markt kommen, verrät der Kiekert-Chef. Natürlich werde es – wie damals schon bei der Zentralverriegelung – zuerst in den Premium Modellen verbaut. Aber eine schnelle Senkung der Kosten und damit die Verbreitung in alle Automobile sei auch hier zu erwarten. Dabei ist das Konzept des elektrischen Schlosses kein neues. Das Schloss wird hier zum Schalter und muss nur noch leicht herausgezogen werden um den Öffnen-Mechanismus zu aktivieren. Zur Identifizierung des Zutrittsberechtigten dient ein externer Schlüssel oder das Smartphone in der Hosentasche. Das sei alles wesentlich leichtgängiger und praktischer als bei bisherigen Schlössern. In einem weiteren Schritt soll sich die Türe dann völlig ohne Zugbewegung öffnen. Als Signalgeber wird ein Sensor dienen, der dann auch durch den individuellen Fingerabdruck ausgelöst werden kann.

Ein weiterer Evolutions-Schritt ist die autonome Tür. Doch wie funktioniert das automatische Öffnen der Tür genau? Zuerst muss auch hier eine Art persönliche Identifizierung stattfinden. Das Auto muss also erkennen, wem Einlass gewährt werden soll und wem nicht. Was zur Identifizierung gewählt wird, ist noch unklar. Denkbar sind Schlüssel, Smartphones, Fingerprint oder auch der Augen-Abgleich. Die weitere Formel für die autonome Tür ist ein elektrisches Schloss und ein, „i-Move“ genannter, elektrischer Antrieb. Letzteres öffnet und schließt die Türe mit Hilfe eines Motors. Durch gezieltes Abschalten des Stromes wird die Türe verriegelt. Doch eine sich selbst öffnende Türe birgt auch Gefahren, so etwa durch heran nahende Fahrräder oder Autos. Daher muss die autonome Tür Hindernisse in ihrem Schwenkbereich erkennen. Durch das sogenannte „i-Protect“ will Kiekert anstoßende Türen in die Vergangenheit verbannen.

Kiekert scheint auf einem guten Weg zu sein, seine außerordentliche Marktposition als Zulieferer auch in Zukunft zu behalten. Wir jedenfalls sind gespannt wo die Reise der modernen Schließsysteme in hin geht. Wir werden wieder berichten.

Fotos: Kiekert/Der-Autotester.de