In den letzten Monaten verging kaum ein Tag, an dem in den Medien nicht über Automobile berichtet wird, die auf den Menschen als Fahrer verzichten können. Vollautomatisiertes Fahren würde indes eine globale gesellschaftliche Umwälzung darstellen. Jüngst ist ein Audi A7 ohne Fahrer aus dem Silicon Valley über 900 Kilometer auf öffentlichen Straßen bis nach Las Vegas gefahren.

Google hat angekündigt, noch im diesem Frühjahr 150 selbstfahrende Prototypen, mit temporärer Steuermöglichkeit durch den Fahrer, auf die Straßen Kaliforniens zu schicken.

Steht also die Einführung selbstfahrender Automobile kurz bevor? Oder gibt es noch unüberwindbare Hürden? Um fundierte Antworten auf diese Fragen zu bekommen, sprach Friedbert Weizenecker mit Prof. Dr. Markus Maurer, der seit mehr als 20 Jahren zum Thema autonomes Fahren und Fahrerassistenzsysteme forscht. 

Herr Professor Maurer, gleich zu Beginn die wichtigste Frage: Wie lange werden wir noch darauf warten müssen, ein autonom fahrendes Automobil kaufen zu können? Daimler Chef Dieter Zetsche hat auf der CES (Consumer Electronic Show) in diesem Jahr davon gesprochen, dass er damit schon im kommenden Jahrzehnt, also in 5 – 10 Jahren, rechnet.

Maurer: Diese Aussage halte ich für ausgesprochen sportlich, wenn wir über vollautomatisierte Fahrzeuge sprechen. Da „autonomes Fahren“ jedoch kein genau definierter Terminus technicus ist, kann diese Zeitaussage auch auf einem geringeren Funktionsumfang basieren. Tatsächlich können wir heute schon auf Strecken mit wenig komplexen Situationen, im schneller fließenden Verkehr mit größeren Abständen, wie etwa auf wenig befahrenen Highways oder Autobahnen, automatisiert fahren, allerdings überwacht von einem Sicherheitsfahrer. Auch Fahrbahnwechsel schaffen die aktuellen Prototypen hier bereits. Schwierig wird es, wenn die Abstände zwischen den Autos kürzer werden. Wenn es in den dichten Stadtverkehr geht, wo unzählige Parameter auf das Verkehrsgeschehen einwirken, wo wir Blickkontakt brauchen, hier stoßen wir noch an Grenzen. Noch ist es technisch nicht gelöst, dass man alle Objekte unter allen Bedingungen immer richtig erkennt. Aber in abgegrenzten Bereichen, wie dem automatisierten Folgen mit doppelter Schrittgeschwindigkeit auf dem Seitenstreifen einer Autobahn, kann autonomes Fahren in 5 Jahren möglich sein.

Audi RS 7 piloted driving concept

Audi RS 7 piloted driving concept am Hockenheimring

Was muss technisch erfüllt sein, damit selbstfahrende Autos unseren Verkehr bestimmen können?

Maurer: Die Systeme müssen zuverlässig funktionieren. Wir müssen die Risiken minimieren, auch wenn immer ein Risiko bleiben wird. Technik wird nie perfekt sein und kann auch nicht perfekt getestet werden. Aber wenn der Nutzen für uns stimmt, ist die Gesellschaft auch bereit, Risiken zu übernehmen. Wenn ich im Auto sitze, muss ich die Überzeugung haben, dass die technischen Systeme nicht schlechter fahren als ich. Wir haben heute zwar ein leistungsfähiges Verkehrssystem, das aber auch viele Unfalltote verursacht. Unser Ziel kann nur sein, die Zahl der Unfälle und damit auch die Zahl der Verkehrsopfer signifikant zu reduzieren. Selbstfahrende Systeme dürfen erst eingeführt werden, wenn sie besser sind als wir Menschen.

Technische Machbarkeit ist die eine Komponente. Was muss aber noch gegeben sein, damit Autos ohne Fahrer auf unserer Straßen unterwegs sein können?

Maurer: Ich bin zwar kein Jurist, aber selbstverständlich muss hier eine klare rechtliche Regelung gefunden werde. Zumindest hier in Deutschland gibt es Konsens darüber, dass wenn es keinen eigentlichen Fahrer mehr gibt, er auch nicht verantwortlich sein kann. Dafür kommt dann nur noch der Hersteller oder eine Leitstelle in Frage.

Wo sehen Sie, neben der bereits angesprochenen Sicherheit, die entscheidenden Vorteile selbstfahrender Autos?

Maurer: Lassen Sie mich das ganz persönlich beantworten. Es wird weiterhin Situationen geben, in denen ich mit Vergnügen selbst fahren möchte und werde. Aber mit zunehmendem Alter gibt es heute schon Momente, in denen ich froh wäre, nicht selbst fahren zu müssen. So etwa in Stopp-and-Go-Phasen, wenn ich meine Zeit zum Arbeiten benötige oder wenn ich müde bin. Zudem könnten künftig Gruppen das Auto nutzen, denen der Zugang heute verwehrt ist; wie Jugendliche unter 18 Jahren oder Menschen mit temporären Einschränkungen oder ohne Führerschein. Auch alte Menschen oder Behinderte könnten dann ein Auto ohne fremde Hilfe nutzen und individuell mobil werden. Insbesondere im ländlichen Raum mit geringer Versorgung durch den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) löst das Mobilitätsprobleme.

Das klingt ja vielversprechend. Werden wir nach einem feucht-fröhlichen Abend künftig nicht mehr Gefahr laufen, den Führerschein zu verlieren? Oder werden wir gar keinen mehr brauchen, weil wir im rechtlichen Sinn ja keine Fahrer mehr sein müssen?

Maurer: Langfristig sind Systemausprägungen denkbar, in denen auch die Person auf dem ehemaligen Fahrersitz zum Passagier wird. Dann kann ich mir auch vorstellen, dass auch für diese Person die gleichen Regeln gelten wie für die anderen Passagiere.

 

Zur Person:  Markus Maurer lehrt als Professor für Elektronische Fahrzeugsysteme an der Technischen Universität Braunschweig und leitet gemeinsam mit einem Kollegen das dortige Institut für Regelungstechnik. Als „Consultant Assistant Professor“ war er bis Ende 2013 zudem an der Stanford University in Kalifornien tätig. Premiumautomobilhersteller werden vom Team um Markus Maurer zum Thema autonomes Fahren beraten. 

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