Mobilität ist für uns Europäer ein normales Gut – wie Essen oder Trinken. Wenn wir es wollen, können wir in kürzester Zeit quasi jedem beliebigen Ort auf der Erde erreichen. Für die Bevölkerung in Entwicklungsländern, wie etwa Afrika, ist der Zugang zu Mobilität dagegen schlicht purer Luxus. Allein schon auf Grund der geringen Kaufkraft in diesen Regionen und einer kaum vorhandenen Infrastruktur, bedarf es eines auf die Bedürfnisse vor Ort zugeschnittenen, nachhaltigen Mobilitätskonzepts.

Wie könnte könnte Mobilität in Afrika funktionieren?

Die Technische Universität München (TUM) hat sich genau diese Frage gestellt und  vor wenigen Jahren mit der Ausarbeitung eines passenden Mobilitätskonzepts begonnen.

Das Resultat ist ein multifunktionales Elektro-Mobil mit dem Namen „aCar“, welches im vergangenen Jahr als Konzeptstudie auf der IAA in Frankfurt vorgestellt wurde. Nach erfolgter vor Ort Erprobung in Namibia und den daraus gewonnen Erkenntnissen entstand nun ein zweiter, seriennaher Prototyp, den wir bereits fahren durften.

Wie könnte das aCar die Mobilitätsprobleme in Entwicklungsländern lösen?

Vor allem ländliche Regionen in Afrika sind von Mobilitätsdienstleistern abhängig, die beispielsweise Ärzte in Dörfer bringen oder eingebrachte Ernten auf Märkte in den Städten tarnsportieren. So warten Bauern oft tagelang auf einen Transport der Waren zum Markt. Erkrankte Mensch kommen nicht selten zu spät zu einem Arzt. Aus diesem Grund organisieren sich viele Familien und Gruppen untereinander, um sich gemeinsam ein Transportfahrzeug anzuschaffen.
Ein Fahrzeug, das in Europa nur noch Schrottwert besitzt, wird in Afrika (nach seinem Export) zum etwa 10-fachen Preis verkauft!

Genau an diesen Punkten soll das aCar ansetzen. Mit einem Anschaffungspreis von rund 10.000 Euro (für ein Neufahrzeug) soll das aCar mit seinem umweltfreundlichen Elektroantrieb und einer hohen Variabilität punkten. Die günstigen Kosten sollen auch durch eine Produktion im eigenen Land (in Afrika) realisiert werden. Dies sorgt dann zusätzlich für zusätzliche Arbeitsplätze und stärkt auch das Vertrauen der Menschen in ein Produkt aus dem eigenen Land.

Was kann das aCar?

Zur Sicherstellung eines hohen Maßes an Flexibilität beim Einsatz haben die Entwickler sich für einen Pick-Up entschieden, bei dem sich die Ladefläche modular verändern lässt.

Als Option lässt sich anstatt der Ladefläche beispielsweise eine Personentransportkabine oder ein Kastensystem für medizinische Zwecke installieren. Die maximal verfügbare Nutzlast für das aCar gibt die TU München (TUM) mit einer Tonne an, was für ein solch kleines Fahrzeug sehr hoch ist.

Als Antrieb fungieren zwei 8 kW leistenden Elektro-Motoren, die ihren Strom aus einer 21 kWh Lithium-Ionen Batterie beziehen. Die Reichweite des aCar soll in der Praxis – je nach Nutzungsbereich und Einsatzgebiet – 60 bis 80 km erreichen. Das aCar kann sich mit einer Geschwindigkeit von 60 bis 80 Stundenkilometern selbst durch schroffes oder schweres Gelände bewegen. Für stets guten Vortrieb sorgt auch unter widrigen Bedingungen der permanente Allrad-Antrieb des aCars.

Die Bauweise wurde von den TUM Entwicklern so ausgelegt, dass die Fertigung einfach und mit vorhandenen Ressourcen problemlos in afrikanischen Ländern möglich ist. Der Rahmen besteht aus festem Stahl, die Kabine aus solidem (reparablem) Aluminium. Kunststoffe finden sich erst im Innenraum an Schaltern oder den Sitzbezügen wieder. Große und in ihrer Funktion leicht verständliche Kippschalter kommen aus dem LKW-Bau. Luxus oder Komfort standen dagegen nicht auf der Entwicklungsagenda. Praktikabilität und Einfachheit stehen im Vordergrund.

Wie fährt sich das aCar?

Erprobt wurde das aCar – wie gesagt – bereits im harten Praxiseinsatz in Namibia. Dabei konnten die Entwickler wesentliche Informationen über die Einsatzbedingungen und den Einsatzzweck bei den Einheimischen gewinnen. All diese Informationen und leichte Modifikationen konnten dann in den zweiten Prototypen einfließen, welcher auf einer deutschen Motocross Strecke zur Probefahrt bereit standen.

Das Ergebnis verblüfft mich. Das aCar fährt sich solide, ist robust und minimalistisch. Die beiden E-Motoren wirken erstaunlich kräftig. Selbst an starken Steigungen, wie den Sprunghügeln der Motocross-Strecke, konnten die beiden E-Motoren für genügend Vortrieb sorgen. Die Traktion ist auf staubigem, unbefestigtem Untergrund sehr gut. An die fehlende Servolenkung müssen sich europäische Nutzer jedoch gewöhnen.

Das die Entwickler genau hinhören, wenn ihnen die Zielgruppen in Afrika Tipps und Anregungen geben, zeigt sich an einem besonderen Beispiel deutlich. So wurde nämlich im 2. Prototypen bereits eine Lautsprecheranlage für Musik eingesetzt. Musik ist in Afrika ein wichtiger Bestandteil der Kultur ist und gilt auf langen Fahrten als unverzichtbar.

Wie geht es weiter mit dem aCar?

Die Nachfrage auf der IAA zeigte bereits, dass nicht nur Bedarf für das robuste E-Fahrzeug nicht allein in existiert, sondern auch hier in Europa. So kamen Anfragen von Landwirten, Kommunen, Förstern und Bergbau-Firmen. Aus diesem Grund wurde zunächst einmal das Unternehmen EVUM Car gegründet, weitere Investoren akquiriert und in Kürze wird eine Produktionsstätte gebaut. In zwei Jahren (2020) soll es dann das erste aCar aus einer Kleinserie in Europa gekauft werden können. Erst wenn die hiesigen Märkte für einen finanziellen Erfolg sorgen, kann das Projekt in Entwicklungsländer (als Franchise System) exportiert werden. Die Entwickler hoffen auf weiter fallende Akku-Preise, denn sie verursachen aktuell rund 70 Prozent der Gesamtkosten. Nur wenn die Akku Preise fallen, ist der avisierte Verkaufspreis von rund 10.000 Euro in Afrika realisierbar, erklären die Verantwortlichen. Hier in Deutschland sollte man mit gut dem doppelten Preis aktuell rechnen, was dem Akku-Preis, aber auch dem teureren Produktionsstandort in Deutschland geschuldet sei.

Mein Urteil:

Ich finde die Idee und dieses Projekt toll. Ebenso das Engagement von vielen mittelständischen Firmen im Projekt. Ob ein Elektrofahrzeug jedoch auf einem afrikanischen Markt mit ausgeprägt ländlichen Strukturen und aktuell nicht vorhandener Lade-Infrastruktur wirklich Anklang finden kann, scheint fraglich. auch wenn der Preis von 10.000 Euro im Vergleich mit anderen E-Autos günstig wäre, wäre ein deutlich gebrauchter Verbrenner kostengünstiger und die Versorgung mit Benzin/Diesel wohl besser. Ich wünsche den Entwicklern und Gründern auf jeden Fall viel Erfolg mit ihrem Projekt. Ich werde dessen Entwicklung mit Begeisterung weiter verfolgen und gern berichten.